Ausflug mit Hund

Meine Hündin und ich sind ein gutes Team. Ich habe sie, seit sie drei Jahre alt ist und von Beginn an liegen wir auf einer Wellenlänge. Sie läuft super am Rollstuhl, liebt Handbikefahren und mag es gar nicht, wenn mich fremde Menschen anfassen. Was ich auch nicht mag, nur mein Knurren ist weniger beeindruckend. Sie kann ein paar nützliche Dinge, zum Beispiel Dinge aufheben, Lichtschalter betätigen und seit Kurzem trägt sie auch meinen Müll für mich zur Tonne. Das sind allerdings Kleinigkeiten, die ich ihr beigebracht habe, um sie zu beschäftigen. Ein ausgebildeter Behindertenbegleithund ist sie nicht.

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Das ist für die meisten Menschen schwer vorstellbar, denn im Leben einer Behinderten ist alles irgendwie außergewöhnlich. „Was für einen treuen Begleiter Sie haben, der ist Ihnen sicherlich eine große Hilfe!“, hören nichtbehinderte Hundebesitzer_innen vermutlich eher selten. „Was kann der denn alles?“, ist eine der häufigsten Fragen, die mir gestellt werden. „Naja, Sitz, Platz und stubenrein ist sie auch…“ Als Behinderte kann ich nicht einmal einen ganz normalen Hund haben.

Dass sie aber genau das ist, wird mir immer dann klar, wenn es ums Fressen geht. Dann vergisst sie ihre gute Kinderstube und ich könnte einen Handstand machen, ohne sie zu beeindrucken. Neulich war ich mit meiner Freundin C. in der Stadt verabredet. Ich stand vor einer Bäckerei und telefonierte mit ihr, weil sie wieder einmal spät dran war, als mein Rollstuhl plötzlich nach hinten kippte. Erst am Boden liegend wurde mir die Situation klar: Während ich telefonierte, hatte eine ältere Frau hinter meinem Rücken meine Hündin mit ihrem Brötchen gefüttert. Gierig wie diese ist, ignorierte sie, dass das andere Ende der Leine um meinen Oberkörper gehängt war und brachte mich zu Fall. Schlimm genug, sie hat auch Ärger dafür bekommen. Aber besonders dreist war die Reaktion der Frau. Wütend und von dem Schreck noch leicht zitternd wies ich sie darauf hin, dass sie fremde Hunde ohne Absprache mit deren Besitzer_innen nicht zu füttern hat. Währenddessen wedelte sie weiter mit ihrem Brötchen und beharrte darauf, dass der Hund halb am Verhungern sei. Eine andere Frau half mir in meinen Stuhl zurück (sie fragte mich, ob sie helfen dürfe, bevor sie mich auf meine Anweisung hin unter den Schultern fasste, was ich wohlwollend zur Kenntnis nahm) und unterstützte mich gegen die fütterungswütige Oma. Als die Bäckerin ebenfalls kam, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen und ich antwortete: „Es ist nicht passiert. Ich habe mich einfach nur ziemlich erschreckt.“, trieb die Oma ihren Egozentrismus auf die Spitze: „Und ich mich erst!“

Mit meiner Behinderung hatte ihr Verhalten nichts zu tun, sie benahm sich „ganz normal“ daneben. Aber ich frage mich, ob mein schwarzer Schäferhundmischling ebenfalls anders wahrgenommen wird, wenn wir zusammen unterwegs sind. Ebenso, wie meine Grenzen oft ignoriert werden (auch mir wird ab und zu der Kopf getätschelt), sinkt die Hemmschwelle, mit der der Hündin an meiner Seite begegnet wird: Wenn die Behinderte mit ihm zurechtkommt, kann das ja nur ein freundlicher Hund sein. Was im Falle eines ausgebildeten Begleithundes noch problematischer wäre, schließlich sollen die „bei der Arbeit“ erst recht nicht abgelenkt, angefasst oder gefüttert werden. Als ich später in einem Geschäft an der Kasse warte, dreht sich die Kundin vor mir um, streichelt Töle und fragt: „Na, bist du ein feiner Therapiehund?“

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