Barrieren, die Erste: Türen

„[S]elbst wenn eine Türe nach innen aufgeht, sollte man der Dame die Mühe abnehmen, sie selbst zu öffnen. Notfalls indem der Herr zunächst durch die Türöffnung tritt, die Tür aufhält und dann die Dame an sich vorbeigehen lässt“, empfiehlt knigge.de und macht dabei keinen Hehl aus der paternalistischen Struktur, die den Regeln der Courtoisie zugrunde liegen. Irgendwie sind diese Regeln aber auch ein wenig angestaubt; klar kennt man als Frau die Situationen, in denen selbsternannte ʻGentlemenʼ sich diesen sexistischen move nicht verkneifen können… glücklicherweise ist er aber nicht (mehr) die Regel (das heißt nicht, dass das Patriarchat überwunden wäre, ist klar). Als Rollstuhlfahrerin begegnet mir diese Situation allerdings mehrmals täglich, eigentlich immer, wenn ich mich einer verschlossenen Tür nähere und Leute in der Nähe sind.

Neulich kam mir beim Verlassen eines Restaurants ein Mittfünfziger entgegen, fast zeitgleich näherten wir uns der verschlossenen Tür. Er stieß sie auf und ließ mich vorbei, nachdem ich sie wortlos passierte, rief er mir, seinen wohlverdienten Dank einfordernd, „Gern geschehen!“ hinterher. Hätte er mir nur einen Moment Zeit gelassen, hätte ich IHM wesentlich praktischer die Tür, die nämlich nach innen aufging, aufhalten können. Aus seiner Richtung musste er im Türrahmen stehen bleiben, um mich vorbei zu lassen. Damit tun sich neue Barrieren für mich auf: Je nach Schuhgröße können die Füße der Hilfswütigen zu Hindernissen werden, die nicht immer garantiert schmerzfrei zu überwinden sind. Und damit meine ich nicht meine Schmerzen…

So weit wird aber nicht gedacht: Türen werden mir aus der Hand gerissen, über meinen Kopf hinweg aufgestoßen (im tatsächlichen wie übertragenen Sinn), man eilt herbei, nur um mir in dieser ausweglosen Lage beizustehen. Was ich tue, wenn ich allein einer verschlossenen Tür begegne? Naja, meistens bleibe ich erschüttert stehen, versinke eine Runde in Selbstmitleid, manchmal fange ich auch an zu weinen. Wenn nach einer halben Stunde niemand gekommen ist, fahre ich wieder nach Hause und verschiebe mein Vorhaben frustriert auf den nächsten Tag. Ungefähr so stellen sich die Leute das vor, denke ich mir… Dagegen sieht meine Realität so aus: Ich fahre zuerst auf die Tür zu, greife dann die Klinke und öffne die Tür wahlweise durch Ziehen oder Drücken. Sollte ich einmal den falschen Impuls geben, (manchmal passiert mir das, sogar wenn es Schilder gibt, auf denen „ziehen“ oder „drücken“ steht) löse ich das Problem mittels der einzig verbleibenden Alternative.

Nachdem gestern meine Freundin F. probehalber mit meinem Rolli in den Keller gefahren war, um unsere Wäsche zu holen, bestätigte sie mir, dass Türenöffnen eigentlich ganz einfach ist. Es gibt da also kein Problem, aber das interessiert wohl niemanden wirklich. Stattdessen scheine ich pauschal über das Merkmal ʻRollstuhlʼ wahrgenommen zu werden – als per se hilfsbedürftig und das veranlasst die Leute dazu, helfen zu wollen. Anstatt einen Moment innezuhalten, sich die Situation und vor allem die individuelle Person anzuschauen und daraus abzuleiten, ob Hilfe notwendig ist, reagiert man mit sofortigem Handeln und versucht so, eigene Unsicherheiten aufzulösen. Dabei wird klar, dass es in diesen Situationen nicht um mich geht. Hilfsbereitschaft hat erstmal nichts mit selbstlosem Handeln zu tun. Vielmehr bin ich Protagonistin in den Meine-gute-Tat-des-Tages-Stories der Leute und meine Rolle darin ist es, mich dankbar zu zeigen. Ob ich Hilfe will, brauche oder nicht, ist nicht meine Entscheidung. Aber meine Dankbarkeit, wenn sie mir aufgedrängt wird, wird selbstverständlich erwartet.

Damit ist nichts Grundsätzliches gegen Hilfestellungen gesagt. Nur gegen pauschale „Rollstuhl? Hilfe!“-Vorstellungen. Wer sich im Sinne der jeweiligen Person verhalten will, sollte sich zuerst die Gesamtsituation anschauen (Nur ein Beispiel: Ein Aktivrollstuhl kann ein erster Hinweis sein). Und im Zweifelsfall kann Hilfe anbieten nicht schaden. Solange die Antwort abgewartet und akzeptiert wird. Dass dies oft genug nicht passiert und mein „Nein!“ einfach übergangen wird, davon berichte ich an anderer Stelle…

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