Barrieren, die Zweite: Busfahrt

Mein Handbike braucht wieder einmal einen neuen Mantel, während ein Bekannter den Reifen wechselt, fahre ich also heute Bus. Schon an der Haltestelle sinkt meine Laune weiter, denn ich wappne mich innerlich für die Fahrt. Hoffentlich ist der Bus nicht zu voll – für eine Neuauflage von Rollatoren-Kinderwagen-Rollstuhl-Tetris habe ich heute einfach nicht die Nerven. Ich bin ein Morgenmuffel und möchte eigentlich nichts anderes, als unbehelligt Busfahren, ohne kommunizieren zu müssen. Genau das geht im Rollstuhl einfach nicht. Es beginnt schon mit den drei Personen an der Haltestelle, die mich einzeln fragen, ob ich Hilfe beim Einstieg benötige. Ich verneine und eine Frau hakt ungläubig nach: „Wirklich nicht?“, als könnte ich mir falsche Bescheidenheit leisten. Zumindest lassen sie mich dann doch in Ruhe einsteigen. Auch das habe ich schon anders erlebt: Sobald ich den Hilfswütigen den Rücken zukehre, juckt es vielen in den Fingern und sie greifen doch noch nach den Schiebegriffen… die sie sogar erst ausklappen müssen, denn mein Rolli ist eigentlich nicht zum Schieben gedacht.

DSC_0005Aber heute steige ich ohne weitere Zwischenfälle ein und stelle erleichtert fest, dass der Bus recht leer ist. Ich parke also, ordnungsgemäß und wie es das Schild am Fester vorschreibt, auf dem vorgesehenen Platz mit dem Rücken in Fahrtrichtung und habe kaum meine Bremsen angezogen, als mir jemand von hinten auf die Schulter tippt. Eine ältere Dame strahlt mich an und verkündet: „Ganz toll, wie sie da gerade eingestiegen sind! Sehr sportlich…“ Ich lächle verhalten, setze meine Kopfhörer auf und schaue aus dem Fenster. Glücklicherweise akzeptiert die Frau meinen Wink mit dem Zaunpfahl und ich kann meine Fahrt schweigend fortsetzen. Ich kenne ihre Argumente schon und bin heute einfach zu müde ihr zu erklären, warum ich Kommentare dieser Art anstrengend finde. Außerdem verlaufen diese Gespräche selten befriedigend, denn die meisten Leute sind nicht bereit, sich wirklich mit meiner Perspektive auseinander zu setzen. Sie finden eine Rollstuhlfahrerin, die ohne Hilfe in den Bus ein- und wieder aussteigt, eben bemerkenswert. Denken, dass ich mich auch noch darüber freuen soll, wenn sie ihre Anerkennung zum Ausdruck bringen.

Während ich aus dem Fenster schaue, lege ich mir im Kopf eine Gegenargumentation zurecht. Versuche, der Frau zu erklären, dass ich es genau einmal in meinem Leben ebenfalls so richtig toll fand, den Ein- und Ausstieg allein zu meistern. Nämlich als es mir das erste Mal gelang. Seit ich weiß, wie es geht, ist es nicht mehr der Rede wert. Schätzungsweise kriegt das jede beim zweiten oder dritten Anlauf hin, wenn sie nur etwas Kraft in den Armen hat. Ich werde heute drei weitere Male auf diese Art in den Bus ein- oder aussteigen und möchte einfach nicht jedes Mal dafür gefeiert werden. Das ist mein Alltag.

„Aber für mich ist das eben eine ungewöhnliche Beobachtung und ich finde sie inspirierend, verstehen Sie?“, antwortet die Oma in meinem Kopf, das Gespräch ist damit beim Knackpunkt der ganzen Sache angelangt. Die Leute verlangen Verständnis von mir, für ihre Begeisterung oder Unsicherheit. Verständnis für meine Situation bringt dagegen niemand auf. „Wie wäre es zum Beispiel, wenn Sie jedes Mal Applaus ernteten, wenn sie es schaffen, einen Fahrschein zu lösen?“, frage ich die ältere Dame in meinem Kopf. „Würden Sie sich nicht verarscht vorkommen?“ Ihr Kompliment ist für mich nichts anderes als ein Hinweis auf meine Behinderung. Bäm. Da ist sie wieder.

Als ich aussteige, habe ich mich in Rage gedacht und fauche aus der Tür den wartenden Fahrgästen entgegen: „Ich brauche keine Hilfe!“ Sofort fühle ich mich schuldig, weil ich so unfreundlich war. Die Folge ist, dass ich mich noch den halben Tag über meine eigenen Schuldgefühle ärgere. Zum Glück kann ich morgen wieder Handbike fahren.

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