Wir fahren mit der Eisenbahn…

Dass die Deutsche Bahn nicht barrierefrei ist, ist nicht wirklich eine Neuigkeit. Vor allem im Internet findet sich eine schier endlose Menge an Erlebnisberichten. Häufig sind sie den Verfasser_innen die einzige Möglichkeit, das Erlebte zum Ausdruck zu bringen, ihrem Ärger über die Mobilität, von der sie ausgeschlossen werden, Luft zu machen. Dafür feiere ich das Internet, dass es eine Plattform bietet und dort Öffentlichkeit herstellt, wo Probleme schnell individualisiert werden.

Ich sitze gerade in einem IC Richtung Hannover und befinde mich mitten in einem Experiment. Ich habe bisher vor allem die Erfahrung gemacht, dass barrierefreies Reisen im Selbstverständnis der Bahn prinzipiell möglich, spontanes Reisen im Rollstuhl dagegen einfach nicht vorgesehen ist. Mir vorzubehalten, kurzfristig zu entscheiden, ob ich nun den Zug um 13:03Uhr oder 14:03Uhr nehme, kann ich vergessen. Ich tue es häufig trotzdem, weil ich meistens in meiner Freizeit mit dem Zug fahre und Freizeit eben nun mal nicht immer planbar ist. Und weil ich ein wenig stur auf meinem Recht auf Spontaneität beharre. Das ich mir allerdings an den Hut schmieren kann, wenn ich in irgendeinem Kaff strande, an dessen Bahnhof es kein Personal und schon gar keine Aufzüge gibt.

Die Bahn zieht sich immer darauf zurück, dass „unsereins“ die Fahrten eben zwei Werktage im Voraus anzumelden habe. Nur dann ist der bahneigene Mobilitätsservice in der Lage, sich zu bemühen. Dass es auch mit Anmeldung manchmal nicht klappt, verraten mir andere Posts im Internet. Trotzdem will ich das heute mal testen. Einfach nur, um das Gegenargument „Hätten Sie mal rechtzeitig angemeldet…“ zu untergraben. Ich ahne zwar, dass ich immer noch recht ohnmächtig bin und mir nicht viel von meiner ordnungsgemäß angemeldeten Fahrt kaufen kann, wenn sie denn schief geht – trotzdem bin ich gespannt.

Eine freundliche Bahnmitarbeiterin hilft einer freundlichen Behinderten mit einem niedlichen Hund auf dem Schoß. Ein niedliches Kind schaut ihnen dabei zu.

Eine freundliche Bahnmitarbeiterin hilft einer freundlichen Behinderten mit einem niedlichen Hund auf dem Schoß. Ein niedliches Kind schaut ihnen dabei zu. (Quelle: thüringen-tourismus.de)

So weit, so gut. Das erste Einsteigen hat geklappt. Praktisch sind die Hebebühnen unbedingt, allerdings recht monströs. Das ganze Unterfangen umweht eine behinderte Aura. Da die Bahn übermäßig viel Zeit dafür einplanen möchte, mich von einem Zug in den anderen zu befördern, habe ich pro Bahnhof 40 Minuten Aufenthalt. Womit sie wohl rechnen? Dass ich mir zwischenzeitlich in die Hosen scheiße und dieses typisch behinderte Malheur einen 20-minütigen Toilettenaufenthalt verlangt? Oder dass sie selbst nicht pünktlich sind? Was keinen Sinn macht, wenn sie mich nicht auf die Minute genau aus dem Zug holen, ist das ganze Unternehmen gescheitert. Gefragt wurde ich auf jeden Fall bei der Buchung nicht, ob ich zwischendurch Zeit benötige. Die Fahrt dauert dadurch insgesamt eine Stunde länger.

Mein Begleiter in Hannover ist ein leidenschaftlicher Angestellter, der sich mit seinem Unternehmen identifiziert und ihm seit 25 Jahren die Treue hält, wie er in den 30 Minuten mehrfach betont, die wir unnütz auf dem Bahnsteig herumstehen. Was er im Job alles schon erlebt hat erfahre ich ebenso, wie sämtliche Kranken- und Behindertengeschichten aus seinem persönlichen Umfeld. Ich kann der Situation nicht entfliehen und versuche mich in das Buch hinein zu denken, bei dessen Lektüre mich dieser Umstieg unterbrochen hat. „Mister Deutsche Bahn“ stört zu sehr dabei, ich jongliere gekonnt mit meinem Plattitüden-Fundus…

„Ach!“

„Das kann ich mir vorstellen…“

„Ja, wirklich?“

Endlich kommt der ICE nach Kassel, ich freue mich, dass es nur einen Rollstuhl-Platz in der 1. Klasse gibt. Der Kaffee könnte besser sein, wird aber dafür am Platz serviert. In Kassel habe ich einen erfrischend schweigsamen Kollegen erwischt, der mich weitgehend in Ruhe lässt. Wir rauchen und tauschen nur die nötigen Höflichkeiten aus.

Abends telefoniere ich mit einem Freund, der am selben Tag mit der Bahn nach Frankfurt zu einem Familientreffen gefahren ist. Der Servicemitarbeiter, der ihm beim Umsteigen assistieren soll, beantwortet seine Fragen konsequent seiner Mutter und wechselt mit dem Kunden im Rollstuhl kein Wort. Insgesamt stelle ich nach meinem Experiment fest: Die Deutsche Bahn ist, gesteht man ihr die nötige Zeit und eine entsprechende Fehlerquote zu, durchaus in der Lage, Rollstühle zu verwalten.

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