Pimp your wheelchair…

Mit dem Rolli wäre ich auch so richtig traurig… (Quelle: depositphotos.com)

Neulich war ich auf einer Benefiz-Veranstaltung der DMSG. Um mich herum lauter MS-Betroffene, die allesamt von Leuten in hässlichen Krankenhaus-Rollstühlen durch die Gegend geschoben wurden. Ok, man kann durchaus mit MS nicht mehr die Kraft haben, Aktivrollstuhl zu fahren. Aber dann setze ich mich doch eher in einen E-Rolli, den ich selbstbestimmt bewegen kann… und unterhalte mich mit den Menschen, die neben mir gehen und denen ich dabei ins Gesicht gucken kann. Wer kann schon in Schuhen laufen, die 3 Nummern zu groß sind und zudem 20kg wiegen? So ist Fortbewegung keine Freude und die Mobilität wirklich für den Arsch. Hinzu kommt, dass viele Hilfsmittel so richtig behindert aussehen. In dem Sinne, in dem die vollpubertären Jungs das Wort gebrauchen, die gestern Morgen an der Supermarktkasse hinter mir standen. Dass mein Rollstuhl leicht ist, wendig und dabei auch noch geil aussieht, ist mir wichtig, schließlich habe ich ihn die meiste Zeit des Tages unterm Hintern. Er muss zu meinen Outfits passen, könnte ich mir das finanziell leisten, hätte ich nicht nur einen schwarz-weißen, sondern einen in gold, einen in türkis… Aber das Problem entsteht ja nicht bei den Betroffenen. Sie bedienen auch nur das Bild, das die Gesellschaft von ihnen hat. Als ich eben meine Freundin F. zum Zug gebracht habe, kam auf dem Bahnsteig ein Typ auf mich zu und fragte freudestrahlend: „Kennst du schon diese neuen Anzüge? Mit denen kann man wieder laufen!“

sexy... (Quelle: exoskelette.com)

sexy… (Quelle: exoskelette.com)

Ist klar du Freak, nicht laufen zu können ist so katastrophal, dass ich lieber freiwillig in einem Roboteranzug durch die Gegend stakse, der einer Marsmission angemessen aussieht!

Mein Name ist Optimus Prime. Wir sind autonome Roboterorganismen vom Planeten Cybertron.“ …peinlich.

Nicht gehen zu können scheint das Sinnbild für das totale Scheitern zu sein: Nicht mehr arbeiten zu können, nicht mehr attraktiv zu sein, nicht mehr stark, belastbar und konkurrenzfähig… Die Person im Rollstuhl ist Projektionsfläche für so viele Ängste. Deshalb denken die Leute wohl auch, ich warte nur auf ihre Erlöser-Geschichten. Sitze heulend den ganzen Tag zuhause oder vor irgendwelchen verschlossenen Türen (dass du mir gerade am Bahnhof begegnest, ist selbstredend die große Ausnahme von der Regel) und bin dankbar, wenn mir all die „Gutmeinenden“ Ratschläge zur Verbesserung meiner Gesamtsituation geben.

„Probier mal MMS aus! Das hat dem Cousin meines Schwagers auch geholfen!“

Nur weil ihr es nicht aushaltet, dass eben nicht alles möglich ist, dass es bessere und schlechtere Ausgangspositionen gibt, könnt ihr mich doch mit dem ganzen Quatsch in Ruhe lassen!? Selbstverständlich ist diese Erkenntnis nicht auszuhalten, für mich auch nicht, aber deshalb streite ich für eine Gesellschaft, in der alle verschieden sein können, ohne Angst zu haben. Stattdessen meint ihr zu wissen, dass ich unter meinem Rollstuhl leide… Tue ich nicht, ich habe vielmehr echte Probleme: Heute ist Sonntag und meine Kaffeebohnen sind alle. Bei dem Gedanken an die Alternative, die die Bäckereifachverkäuferin mir gerade mit ihrem Vollautomaten zusammenpanscht und die sie mir gleich gegen unverschämte 2,90 Euro als „Cappuccino“ verkaufen wird, wird mir schlecht. „Nein! Kein Kakaopulv…“ Zu spät.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Pimp your wheelchair…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s