„Auch lesbische, schwarze Behinderte können ätzend sein…“

Funny van Dannen lassen wir mal dahingestellt sein, aber diese Liedzeile habe ich immer mal wieder im Kopf, wenn Leute mir Dinge durchgehen lassen, die bei Nichtbehinderten (berechtigte) Empörung provozieren würden.

Rennbikes sind für den Alltaggebrauch nicht geeignet, schließlich kann man keinen Rolli mitnehmen. als Sportgeräte gehen sie ganz schön ab... (Quelle: zwomp.de)

Rennbikes sind für den Alltaggebrauch nicht geeignet, schließlich kann man keinen Rolli mitnehmen. Als Sportgeräte gehen sie ganz schön ab… (Quelle: zwomp.de)

Zum Beispiel hat eine Bekannte ein neues Handbike, mit dem sie Marathon fährt. Es ist ein reines Rennbike, das im Gegensatz zu meinem Adaptivbike ohne Rollstuhl auskommt. Sie beschreibt den größten Unterschied in der Reaktion der Leute, die den Rollstuhl nicht mehr wahrnehmen und sie seitdem sogar anpöbeln, wenn sie wie Schmidts Katze ohne Rücksicht auf Verluste durch den Straßenverkehr saust.

In meinem Viertel hat ein neues Sushi-Lokal aufgemacht, das ich heute mit meiner Freundin A. testen wollte. Vor der Ladentür war ein Ständer mit der Speisekarte aufgebaut, die wir zunächst ausgiebig studierten, wobei wir beide nicht unseren entscheidungsfreudigsten Tag hatten. Während wir also minutenlang zwischen Avocado, Roter Bete und Möhren verbrachten, nahm ich plötzlich aus dem Augenwinkel das Paar wahr, das die ganze Zeit hinter uns stand. Erschrocken realisierte ich, dass ich völlig elefantös die gesamte Tür blockierte und wich, „Entschuldigung“ murmelnd, zurück. „Kein Problem“, beschwichtigten die beiden und ich schob verärgert hinterher:

„Mund aufmachen soll helfen!“

Schon wieder eine Situation, in der ich peinlich berührt bin (naja, ich war wirklich unaufmerksam), die aber völlig anders verlaufen wäre, hätten die beiden einfach etwas gesagt, anstatt eine halbe Ewigkeit wie blöd hinter mir zu stehen. Ja, mit Behinderten kann man sprechen und auch sie können im Weg stehen! Wie oft Leute sich auf Partys dafür entschuldigen, dass ich ihnen in die Hacken fahre! Wenn es voll ist, kommen wir alle nicht darum herum, uns mal gegenseitig im Weg zu stehen.

Als meine Schwester eben wutschnaubend zu unserem Kaffee-Date erscheint, muss ich grinsen. An einer Gehweg-Verengung ist ihr unterwegs eine Rollstuhlfahrerin fast ins Fahrrad gefahren, als sie ohne Schulterblick nach links auf den Radweg zog. Klar, man kann sich in der Erfahrung ganz bequem einrichten, dass die Leute lieber eine Vollbremsung hinlegen, als eine Person im Rollstuhl zu überfahren. Da hat die Frau allerdings die Rechnung ohne meine Schwester gemacht, die hat nämlich ordentlich gemotzt.

Nervigkeiten

Ich sitze im Park und werfe Bälle (für den Hund selbstverständlich) und komme nicht umhin, das „Gespräch“ auf der Parkbank hinter mir zu hören. Ein rüstiger Herr um die Achtzig sitzt zwischen zwei etwa gleichaltrigen Ladies und monologisiert über seine Tätigkeiten als Seniorenvertreter in seinem Altenheim. Während er von irgendeinem Termin mit der Presse berichtet, den ein Herr Ottenpohl beinahe hatte platzen lassen und dessen Gelingen am Ende nur ihm und seiner Charmeoffensive gegenüber der Reporterin zu verdanken war, versuchen sich seine Begleiterinnen gleichzeitig als höfliche Zuhörerinnen und in der Fortführung ihrer eigenen Unterhaltung, die sich um die Enkelin der einen Frau dreht.

„Ach!“

„Nein! Wirklich?“

„Sie sind mir ja einer!“

(„Und Luisa bleibt also sitzen…?“)

Die beiden Frauen scheinen geübt zu sein in diesem Balanceakt, wobei dem Mann ohnehin jedes Gespür dafür abgeht, wie er oder seine Geschichte ankommt. Plötzlich scheint er den Ausflug für beendet zu befinden, er erhebt sich ruckartig und seine Begleiterinnen eifern ihm nach.

Während sich die drei entfernen, nähert sich von der anderen Seite der nächste spazierlustige Opa (was ist denn heute los?) und bückt sich nach unserem Ball. Pure Selbstüberschätzung, beinahe legt er einen gepflegten Kopfsprung über seinen eigenen Rollator hin. Töle kommt angeschossen, lässt sich aber leider bereitwillig auf die Abwechslung im Spiel ein und rennt dem Ball hinterher.

„Na, junge Dame, genießen Sie das schöne Wetter?“

Dass er vor 15 Jahren nach einem Sturz von der Leiter auch mal nicht laufen konnte, erklärt er mir nahtlos nach unserem kurzen Schlagabtausch über das Wetter. Er kennt das also. Das mit dem Rollstuhl und so. Findet aber, dass ich ein so „patentes Mädchen“ sei, dass das „nicht viel ausmache.“ Was auch immer er damit sagen will.

(Quelle: travelblog.org)

(Quelle: travelblog.org)

Alte Männer sind eine kniffelige Angelegenheit. Sie genießen eine Art Sonderstellung (eine Art Behindertenbonus? So wie sich niemand traut, mich darauf hinzuweisen, dass ich im Weg stehe?), gehören halt einer anderen Generation an, sind häufig fast schon niedlich. Und dann ist da noch der verdammte Respekt vor dem Alter, der auch immer wieder dazu führt, dass ich mich zurück nehme, beherrscht bleibe, höflich… Dabei darf man nicht übersehen, dass alte Männer genau das sind: Alte, patriarchale Männer. Die denken, sie könnten fremde Frauen mit „junge Dame“ ansprechen und das augenzwinkernd meinen. Die ihre Weltsicht vor jedem und vor allem jeder ausbreiten und zu jedem Zeitpunkt für relevant erachten. Die es gewohnt sind, darin auch noch bestätigt zu werden.

Als der Mann versucht, unsere vermeintliche Allianz zu festigen und erklärt, seine Frau halte ja nichts von Hunden, ergattere ich den Ball. Schnell lasse ich ihn in meinem Beutel verschwinden, rufe Töle und verabschiede mich.

„Guten Tag noch, alter Herr. Genießen Sie das schöne Wetter!“