Inklusionsgeshizzle

In der gesellschaftlichen Debatte um Behinderung gibt es zwei Schlagworte, die ständig fallen und in mir regelmäßig ein nervöses Kribbeln auslösen – nicht nur Realpolitiker_innen, auch Behindertenrechtsaktivist_innen wie Laura Gehlhaar (deren Blog ich ziemlich feiere) oder Raúl Krauthausen bemühen immer wieder die hohlen Phrasen um „Inklusion“ und „Teilhabe“.
Ich kann nur mutmaßen, was sie darunter verstehen, im weitesten Sinne geht es wohl ums Mitmachen – aber wobei genau? Die Frage wird eigentlich nicht gestellt, die schwammige Antwort findet sich in der Floskel „Teilhabe am Leben in der Gesellschaft“. Was diese Gesellschaft ist, ob man dabei wirklich mitmachen will und mit welcher Konsequenz, wird nicht diskutiert.

 

Plakat der Behindertenbewegung zum UNO-Jahr 1981

Plakat der Behindertenbewegung zum UNO-Jahr 1981 (Quelle: blogs.faz.net)

Behinderte in den 70ern und 80ern haben Straßenbahnen blockiert, weil gar nicht vorgesehen war, dass jemand mit dem Rollstuhl einsteigen und mitfahren konnte. Das ist ein Grund zu streiten, keine Frage. Diese Auseinandersetzungen haben auf institutioneller Ebene einiges bewirkt, was gut ist. Schließlich stimmt es ja, dass Behinderungen kein Grund sind, nicht mitmachen zu dürfen bei dem ganzen Wahnsinn. Aber das Ergebnis ist ein komplexes System bürokratischer Kniffe, die es uns ermöglichen, an der Selbstausbeutung im kapitalistischen Alltag „teilzuhaben“.

Yeah, ich darf mich selbst ausbeuten! Was auch immer ich auf einer Baustelle soll, aber für die Statistik kann es nur gut sein... (Quelle: bmas.de)

Yeah, ich darf mich selbst ausbeuten! Was auch immer ich auf einer Baustelle soll, aber für die Statistik kann es nur gut sein… (Quelle: bmas.de)

In erster Linie geht es bei der ganzen Idee von „Eine Schule etc. für alle“ doch darum, Menschen durch Arbeit aufzuwerten, was ziemlich ekelig ist und worauf ich gerne verzichten würde.
Das Ganze ist also nicht wiederspruchsfrei – einerseits will ich nicht aufgrund meiner Behinderung von irgendetwas ausgeschlossen sein, andererseits verdient das „Hurra – ich darf auch lohnarbeiten gehen!“ vielmehr eine kritische Distanz als das plumpe Abfeiern von „Inklusion“…
Von einer Behindertenbewegung würde ich mir also wünschen, dass sie aufhört, Phrasen zu übernehmen, die mir eine Gleichheit vorgaukeln, die es ohnehin nicht gibt. Dass sie stattdessen wieder unbequem wird und diese Gesellschaft, die all die Ausschlüsse produziert und deren Überwindung an Bedingungen knüpft, radikal infrage stellt. Jedem Krüppel seinen Knüppel wäre mal wieder eine vernünftige Forderung!

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