Der „unerreichbare Sektor“

Ich bin zurück aus einem großartigen Urlaub. Neun Tage lang war ich mit einer fabelhaften Crew auf einer Segelyacht im niederländischen Friesland unterwegs, habe Wind und Wellen getrotzt, pittoreske Dörfer entdeckt, gut gegessen (was mir im Alltag oft nicht gelingt), abends in der Kajüte „Korsaren der Karibik“ gezockt, in Hafenkneipen Whiskey getrunken, viel gelacht, auch ein bisschen geweint… Ich habe freundliche, entspannte Menschen getroffen, mich über deutsche Touris in hässlichen Motorbooten lustig gemacht und meinen Rollstuhl die meiste Zeit in einer Ecke unter Deck verstaut.

Korsaren der Karibik - spätestens hier wird es so richtig piratig...

Korsaren der Karibik – spätestens hier wird es so richtig piratig…

Beim Segeln tausche ich mit dem Alltag auch meine größtmögliche Selbstständigkeit und die mir sonst so wichtige Mobilität gegen eine enge Kajüte ein, in der wir zu viert aufeinander hocken, uns die Köpfe stoßen und ich immer wieder mit der steilen Treppe und der kleinen Einstiegsluke kämpfe. Als ich zuhause wieder in einen großen Spiegel gucken kann, zähle ich die blauen Flecken, mit denen mein Körper übersäht ist: Ich sehe aus, als hätte ich mir in einer Hafenspelunke eine zünftige Schlägerei mit einem Haufen friesischer Seebären über die Frage geliefert, wie man einen Plattboden bei 6 Beaufort am besten über das Ijsselmeer navigiert (sie wären zu Recht aufgebracht, davon habe ich nämlich keine Ahnung).
Der Punkt ist aber, dass ich mit dem Boot eine ganz andere, größere, nahezu entgrenzte Form der Mobilität erreiche. Um mich herum ist ein schier endloser Himmel, der sich um 180°  über unseren Köpfen wölbt. So in etwa stelle ich mir die Perspektive in einer Schneekugel vor. Nur dass da glücklicherweise kein Schnee ist, sondern weite Wasserflächen, die nur durch Riedgras begrenzt zu sein scheinen – wobei dahinter andere Segel auf noch mehr Wasser hindeuten. Die Segelphysik ermöglicht es, obwohl der Wind ja nur aus einer Richtung kommt, sich in nahezu jede Richtung zu bewegen. Nur der Winkel von 45° zu beiden Seiten der Windrichtung ist der „unerreichbare Sektor“, in dem ich das Boot nicht manövrieren kann. Liegt mein Ziel in diesem Bereich, muss ich im Zickzack von Amwindkurs zu Amwindkurs wechseln, womit ich eben einen Umweg in Kauf nehmen muss, auf diesem aber doch mein Ziel erreiche. Mithilfe welcher Strategie mir das möglichst schnell gelingt ist eine Herausforderung, die mir beim Regattasegeln auch immer wieder großen Spaß macht. In meiner Jolle ganz allein für alles verantwortlich zu sein, gehört dabei zu den besonderen Reizen. Aber Fahrtensegeln mit guten FreundInnen bedeutet, sich unter Deck arrangieren, an Deck an der optimalen Kommunikation feilen und gemeinsam das große Schiff bewegen. In Couscous mit Auberginen und Zimt vom Gaskocher, Kaassoufflé, kuscheligen Kojen und einem Klo im Schrank liegt diese leise Ahnung von unbegrenzter Freiheit, die jeder blaue Fleck wert ist.
Jetzt bin ich ein klein wenig pathetisch geworden, was nur daran liegt, dass ich Segeln OLYMPUS DIGITAL CAMERAso absolut geil finde. Es ist zu Unrecht ein Alte-Männer-Sport und sollte von viel mehr Leuten betrieben werden, vor allem habe ich zu selten Frauen am Steuer gesehen. In diesem Sinne bleibt der Alltag und die Realität eben doch nicht vollständig zuhause…

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