Stylez on wheelz

Ich beschäftige mich gerne mit Mode… Das hat etwas mit selfcare zu tun; mich selbst zu pflegen und mir Gutes zu gönnen ist ein Vehikel, das mir ein positives Gefühl verschafft und mich für den Alltag wappnet. Es ist außerdem Teil meiner Performance als Rollstuhlfahrerin, ich will als Behinderte sichtbar sein, die Style hat. Mein Anblick soll die Bandbreite an Vorstellungen erweitern, die in der Gesellschaft von Behinderung existieren. Ich merke oft genug, dass das so nicht funktioniert und der Gesamteindruck von der Wahrnehmung des Rollstuhls überlagert wird. Aber schöne Schuhe und fancy Leggings geben mir doch auch das Gefühl, dem etwas entgegen zu setzen. Und sie betonen meine Beine: „Seht her!“, sagen sie, „wir funktionieren nicht richtig, sehen dabei aber verdammt gut aus!“

Dabei gibt es diverse Dinge, die für ein Outfit im Sitzen zu beachten sind. Viele Röcke müssen zum Beispiel im Gehen schwingen, um richtig zu Geltung zu kommen, unpraktisch sind auch weite Ärmel, die in den Speichen hängen bleiben. Überhaupt kann ich nix gebrauchen, woran man rumzuppeln muss, damit es sitzt, weil meine Hände mit Fortbewegung beschäftigt sind. An den Beinen sind Leggins (vorzugsweise mit nem coolen, auffälligen Print) eine super Lösung, da sie in jeder Haltung einfach tierisch bequem sind. Jetzt ergibt sich aber folgendes Problem: Es wird kälter und meine Füße und Unterschenkel sind so schlecht durchblutet, dass meine Physiotherapeutin regelmäßig friert, wenn sie mich anfassen muss. Ich muss meine unteren Extremitäten also besser einpacken als mit Leggins, eine neue Hose muss her – das ist gut, so habe ich sogar einen vernünftigen Grund für einen Shopping-Ausflug. An dieser Stelle hat es sich dann aber auch schon wieder mit der Vernunft, ich will nämlich eine Röhre. Weite Hosen sind erstens out und sehen zweitens höchstens im Stehen gut aus, im Sitzen ist da einfach zu viel Stoff, der nicht richtig fällt. Aber die Röhre kneift am Bauch, rutscht über den Hintern weg und ist so eng, dass ich mich mit meinen gelähmten Beinen ziemlich abmühe, um hinein und vor allem wieder hinaus zu kommen. Ich entscheide mich schließlich für ein Exemplar mit Stretchanteil, das eine recht hohe Hüfte hat und dadurch verhältnismäßig bequem ist. Auch eine lange Unterhose aus Merinowolle geht noch so gerade drunter. Meine extrem dicken Socken zeichnen sich allerdings ab und ich ahne, dass ich ab jetzt mehr Zeit zum An- und Ausziehen einplanen muss.

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Die Push Girls haben das mit dem Style verstanden…

Wo ist sie, die Rolli-taugliche Mode? Ich suche im Internet „Rollstuhl“ und „Mode“ und stoße auf ein paar Seiten, die genau damit werben. Zunächst die Firma ROLLITEX aus Berlin, bei der leider die Präsentation der Produkte völlig misslungen ist. Die Kleidung ist schlecht abgebildet und kaum beschrieben, für einen Kauf im Internet ist mir das viel zu unsicher, da meine Erwartungen an eine Hose über die Information „Jeans“ hinausgehen. Ich muss wohl beim nächsten Berlinbesuch in deren Laden vorbeischauen… Wobei die Oberteile nicht gerade einen spannenden Eindruck machen. ROLLINGELEPHANTS hat sich auf Hosen spezialisiert. Mit Video, detaillierten Texten und guten Abbildungen gewinnt man einen Eindruck von den Modellen, die allerdings sehr funktional und nix für mich sind. Die Hosen von ROLLI-MODEN erscheinen vielleicht bequem, allerdings ist der Stil nichtssagend bis langweilig.
Eine Röhre finde ich nirgendwo. Die Zielgruppe der Angebote scheint also unter „modebewusst“ so etwa wie „ordentlich und funktional“ verstehen zu sollen, nicht unbedingt „trendbewusst“. Warum kombiniert niemand die schlauen Lösungen am Hosenbund mit einem eng anliegenden Bein? Mit einem Reißverschluss an der Wade, den man im Sitzen nicht mal sehen würde, wäre auch das Problem mit dem An- und Ausziehen gelöst. Aber offensichtlich ist der Markt so klein und so neu, dass er sich erst einmal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner konzentriert: die Funktion. Insofern wundert mich das überschaubare Ergebnis meiner Recherche auch nicht. Wenigstens tritt diese Nische, wieder einmal dem Internet sei Dank, überhaupt in Erscheinung. Weil die Zielgruppe so klein ist, sind die Sachen auch vergleichsweise teuer. Von einer eigenen Rollstuhl-Linie bei H&M sind wir halt weit entfernt.

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Zwar chic, aber ganz schön unpraktisch… und viel zu schnell dreckig! (Quelle: gettyimages.de)

Ebenso wenig richtet sich die Mode, die auf der New York Fashion Week dieses Jahr von behinderten Modells präsentiert wurde, tatsächlich an Behinderte. Weite Kleider und Röcke machen im realen Leben mit Rolli wenig Sinn…(http://www.stylebook.de/artikel/New-York-Fashion-Week-Models-im-Rollstuhl-auf-dem-Laufsteg-607014.html)

Zwar chic, aber derbe unpraktisch... (Quelle: gettyimages.de)

Das rutscht beim Hingucken… (Quelle: gettyimages.de)

Vermutlich handelt es sich bei diesen Auftritten vor allem um einen Blickfang, eine szenetypische Inszenierung von Außergewöhlichkeit. Aber trotzdem beurteile ich diese Show als wichtig für das gesellschaftliche Bild von Behinderung: Die Verknüpfung von Rollstühlen, Gehhilfen und Amputationen mit Ästhetik, Style und high-fashion erweitert Vorstellungswelten und ist deshalb cool – auch wenn das Ganze nicht als „Inklusion auf dem Laufsteg“ überinterpretiert werden darf.