Mein kleiner Drachen

dragon

nuance.com: dragon naturally speaking

Nach einigen Startschwierigkeiten ist dies nun der erste vollständige Text, den ich mit Dragon Naturally Speaking schreibe. Ich hadere oft mit technischen Neuheiten, mich in ein Programm einzuarbeiten, das ich noch nicht kenne, ruft bei mir eine Menge Abwehr hervor. Ich weiß auch nicht so ganz, woran das liegt, aber ich mag Technik vor allem dann, wenn sie funktioniert, nicht, wenn ich sie verstehen muss.

Meine feinmotorischen Fähigkeiten haben aber in den letzten Jahren so sehr abgenommen, dass mir das Tippen langsam keinen Spaß mehr macht. Ich vermeide es, zu schreiben, die Fragen von Leuten, was denn mein Blog macht, haben mir schlechte Laune bereitet. Das festzustellen hat mir den letzten Arschtritt gegeben, denn dass ich die Freude an etwas verliere, das mir eigentlich sehr viel Spaß macht, nur weil ich die Situation vermeiden will, passt mir nicht in den Kram.

Ein Freund besorgte mir das Programm, nach zwei schlecht gelaunten Tagen landete es aber erst mal wieder in der Ecke, aus der ich es nun, nach einigen Monaten, aber ausgerüstet mit Motivation und einem neuen PC, wieder hervorgezogen habe. Das Internet erklärt mir, dass wir ungefähr zwei Wochen benötigen werden, um uns aneinander zu gewöhnen. Das heißt, nicht nur ich muss es schaffen, dieses Programm zu verstehen, sondern auch der Drachen muss lernen, mit mir, meiner Stimme, meinem Wortschatz umzugehen. Die Vorstellung gefällt mir irgendwie, dass wir zwei im Team die ganze Sache mit dem Projekt Spracherkennung angehen müssen. Und ich mag das Gefühl, mit einem Hilfsmittel umgehen zu lernen, immer besser zu werden, und mir damit einen Bereich anzueignen, der mir eine Zeit lang verschlossen war. Das ist so, wie es mit dem Rollstuhlfahren vor einigen Jahren war. Zunächst wurde mein Bewegungsradius zu Fuß immer kleiner, die wenigen 100 Meter, die ich an meinem Gehstock torkelnd zurücklegte (ja, es gab auch Leute, die dachten, ich sei betrunken…), waren unfassbar anstrengend, sahen richtig scheiße aus und vergegenwärtigten mir jede Sekunde, dass ich nicht vorwärts kam. Naja, und dann war es auch nicht unbedingt einfach, den richtigen Umgang mit dem Rolli zu erlernen, schließlich musste ich mir alles selbst aneignen, einen Führerschein gibt es dafür nicht. Es gibt schon Lehrgänge, die man machen kann, aber das wusste ich damals noch nicht… Und vorgeschlagen hat es auch niemand. Aber es gelang mir letztendlich auch allein, es wurde immer geiler, das Fahren machte zunehmend Spaß und mein Radius war irgendwann wieder der alte.

Was ich damit sagen will, ist, dass es einer anderen Perspektive auf Hilfsmittel bedarf. Anstatt immer auf den Aspekt zu schauen, der nicht mehr beherrscht wird, die Dinge, die nicht mehr gehen, feiere ich all die Möglichkeiten, die meine Hilfsmittel mir bieten. Mich ärgern die Mittfünfziger, die verschämt nach ihren Lesebrillen greifen, die Leute, für die der Rollstuhl nur darauf verweist, dass ich nicht mehr gehen kann. Mich ärgern meine Eltern, die, als ich ihnen von meinem Dragon erzähle, schockiert fragen: „Ist es schon so schlimm?“ Anstatt sich realistisch darauf zu beziehen, dass meine Finger nun einmal seit einiger Zeit zittern, und sich dann zu freuen, dass ich so geil mit diesem Programm zurechtkomme.

Natürlich muss man beim Thema Hilfsmittel immer bedenken, dass vor allem die geilen von ihnen teuer, und damit nicht allen Menschen gleich zugänglich sind. Aber mal angenommen, wir lebten in einer Gesellschaft, in der alle Menschen den gleichen Anspruch auf richtig geile, technische Lösungen für ihre körperlichen Unzulänglichkeiten haben. Sie würden ständig optimiert werden und der Fokus würde sich verschieben, weg von „wie schade, dass dein Arm nicht richtig funktioniert“ hin zu „Alter, wie geil deine Prothese ist!“

Auf jeden Fall freue ich mich so richtig über meinen kleinen Drachen. Manchmal hängen wir uns noch ein bisschen aneinander auf, ich werde ungeduldig, dann greife ich doch mit der Maus und der Tastatur ein. Aber es wird besser, mit jedem Text. Und ich bin ganz aufgeregt, bei jedem neuen Schritt, den wir bewältigen. Schreiben macht mir wieder Spaß, das ist die Hauptsache.