Der Fisch des Jahres: Im Hechtbecken (Mein erster Gastbeitrag)

Heute freue ich mich ganz besonders über die Veröffentlichung eines neuen Textes. Diesmal habe ich ihn nicht selbst geschrieben, er ist von meiner Freundin Frieda und soll meine Perspektive, um die es ja in diesem Blog geht, ergänzen. Es ist ein nichtbehinderter Blick auf die ganze Situation, aber einer, der mich konsequent mitdenkt. Insofern ist er hier genau richtig und ich finde die Idee fabelhaft, nun regelmäßig Gastbeiträge dieser Art zu bloggen.

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Hechten: nicht wie der Fisch, sondern das Verb, meint einen Satz machen, sich katapultieren, springen, sich werfen und ich habe ein paar Gedanken dazu. Es soll um Protonia und mich in den „Öffis“ gehen. Der Text entsteht in meinem Kopf beim Busfahren, allein in meiner Stadt. Als mein Blick über den Boden des Busses zum Griff hin wandert, mit dem man die Rampe ausklappen kann. Ich will meine Beobachtungen schildern. Es soll um den Stress der Leute im Umgang mit einer Rollifahrerin in öffentlichen Verkehrsmitteln gehen. Genauer: Um das Hechten.

IMG_20160215_141340Seit Jahren kennen wir uns, Protonia und ich. Beide laufend, ich laufend, sie torkelnd, ich laufend, sie fahrend. Seit Jahren gehen wir Kaffee trinken, Unterwäsche shoppen, auf Demos, Burger essen, Bier trinken, auf Konzerte, spazieren. Was man halt so macht, wenn man befreundet ist. Als Protonia ihr Handbike noch nicht besaß, fuhren wir in ihrer Stadt (die früher auch meine war) mit dem Bus von A nach B. Wenn sie in meine Stadt kommt oder ich in ihre, fahren wir Zug, schön Regionalbahn. Und wir sind immer wieder zusammen in anderen Städten, Berlin oder Amsterdam, in denen wir auch Straßenbahn fahren (sowas gibt’s in unserer beider Städte nicht…)

Wenn Protonia in den Bus steigt (ohne Rampe), dann hechten Leute ihr von innen und außen entgegen. Woher, frage ich mich, kommt die Panik des Reinziehen-, Rausschieben-, Reinhieven-, Rausschubsen-Müssens? Ist es die Angst, dass es nicht klappt und man den Salat dann an den Hacken hat? Die Bredouille ausbaden muss? Dass man womöglich irgendwas wird tun müssen, wenn sich der Rollstuhlfahrer so richtig behindert gemault hat? Und dann überall spastisch zuckende Körperteile, Rollstuhleinzelteile und Urinbeutel verstreut sind? Oder dass die Rollstuhlfahrerin in ihrer Trantütigkeit – wer weiß wie behindert sie insgesamt ist? – alles blockiert, weil sie sich überschätzt und dann mit dem Rollstuhl, dem wilden Wesen, verkantet und dann den Einstieg versperrt und alle darunter leiden und nichts mehr funktioniert?

Wenn wir zusammen Bus oder Bahn fahren, steige ich oft hinter Protonia ein. Sie ist meine Freundin, ich will ihr den Rücken freihalten, ich weiß ja, was passieren wird. Sie sieht es nicht, die Hände und die dazugehörigen Leute sind in ihrem toten Winkel. Aber ich sehe es: Sie greifen nach dem Rollstuhl. Selbst dass ihr Stuhl keine Griffe hat, hält
die Tapferen nicht ab. Selbst dass ich ja da bin, ihr einen Schubser geben könnte, hält sie nicht ab -und wenn ich, die ich ja zu ihr gehöre, ihr eben keinen Schubser gebe, ließe das nicht darauf schließen, dass das schon so seine Ordnung hat? Die zehn Sekunden, die sie braucht, um nach den Haltestangen an den Türen des Busses zu greifen, sich und den Rolli reinzuziehen, strapazieren die Geduld derer, die lieber hechten, bevor noch irgendwas passieren könnte, was sie sich nicht vorstellen können. Es muss für sie furchtbar sein, diesen Move mitanzusehen: jemand bedient sich der räumlichen Gegebenheiten (also Bus im Allgemeinen und Griffe an der Tür vom Bus im Besonderen) anders, als sie es tun. Natürlich gibt es auch noch die, die das Ein- und Aussteigen mit Rolli öffentlich „ganz toll„, „sehr sportlich“ und unglaublich inspirierend finden, anstatt es stumm als Alltagshandlung wegzuordnen. Auch aus dem Inneren des Busses greifen Arme, hechten Leute. Und allzu oft greifen sie nach dem Ersten, was sie zu greifen bekommen, sie greifen nach ihren Armen, statt nach dem Stuhl – als sei sie damit verwachsen. Und als bräuchte sie nicht genau diese Arme, um sich damit in den Bus zu ziehen, also einzusteigen.

Natürlich hat sie sich auch schon gemault. Wer ist nicht schon gestolpert? Oder: Wer würde nicht dauernd stolpern, wenn die Welt der Fußgänger_innen regelmäßig übertrieben hohe Hindernisse bereithielte? Oder sinnlose tiefe Löcher? Aber noch nie ist sie dabei in ein Tigergehege oder ein Piranha-Becken gesprungen – also nirgendwohin, wo schnelles Handeln beherzter Helfer_innen wirklich einen Unterschied gemacht hätte: Wenn sie mal stürzt (scheiß Kanten, scheiß Spalten,
scheiß Löcher und manchmal auch nur, tja banal, Übermut oder Unaufmerksamkeit) und wir zu zweit sind, dann sage ich „alles okay?“, dann sagt sie „ja… so’n scheiß“ oder „fuck, aua knie“ oder wir lachen, weil’s bescheuert aussah. Wenn sie mal stürzt, dann sammle ich vielleicht irgendwelche Sachen ein. Dann stell ich vielleicht die Rollibremsen fest, schieb ihr den Rolli hin, stell mich hinter ihn, damit er nicht umkippt. Dann sag ich vielleicht irgendwas Quatschiges, während sie sich zurück in den Stuhl zieht oder was Quatschiges, während ich ihr unter die Arme greife und wir sie zusammen in den Stuhl ziehen. So sieht’s aus. Was würde hier das Hechten ändern?

Auch vorgekommen ist, dass ich, die hinter ihr ging, tatsächlich gefragt war, weil die Physik es nicht zuließ, dass sie sich mit Rolli in den Bus zog – etwa wenn ein Bus einen Meter vom Bordstein entfernt zum Halten kam. In diesen Situationen verdoppeln sich die Zuschreibungen, die Bilder, die sich Leute von ihr machen: Es gibt auch ein Bild von uns beiden, den „beiden jungen Frauen“. Es war solch ein Bild, das vermutlich einen Busfahrer dazu brachte, mich rabiat davon abzuhalten, Protonia den letzten Schubser in den Bus zu geben, indem er mich zur Seite drängte und auf der Rampe bestand, keine Möglichkeit zu Protest, scheißegal wie lange wir uns kennen, welche Routinen wir haben, was möglich ist und was nicht, alles scheißegal, die Rampe muss her, muss
her, ist so vorgeschrieben und überhaupt, wie kommen die auf die Idee, das würde funktionieren, die „junge Frau“, wie kriegt sie denn „die junge Frau im Rollstuhl“ in den Bus rein?

Was ich – vielleicht seitdem oder vielleicht auch aus immer stärker werdenden Reflexen gegen ungefragtes Aufdrängen – mache, ist, die Hände wegzuschlagen. Nicht heftig, nicht aggressiv, nicht fest, sondern einfach in einer halbkreisförmigen bestimmten Bewegung. Das Hechten unterbinden: „Erst fragen, dann helfen“ oder „kein Stress, geht doch auch so“ oder andere wahnsinnig eloquente Kommentare rutschen mir raus, während Protonia einfach einsteigt, denn darum geht´s ja, ich halte ihr den Rücken frei, sie steigt ein. Und wenn wir beide sitzen, dann erst erzähle ich ihr von dem, was sich in ihrem toten Winkel zugetragen hat. Wir lachen. Oder sind wütend. Oder beides…

Als wir einmal in den Regionalexpress stiegen: Sie elegant die vorderen Räder hoch – mit Reisetasche auf den Knien – mit Schwung über den viel zitierten Spalt zwischen Zug und Bahnsteigkante. Dann die großen Räder hinterher. Ich, hinter ihr, merke schon am Luftzug, dass von mehreren Seiten gehechtet wird. Ich war nie gut in Mathe, Geometrie und so, aber ich erinnere noch so viel: etwas Größeres passt nicht durch etwas Kleineres. Obwohl: Vielleicht habe ich dieses Prinzip schon im zarten Kleinkindalter mithilfe dieser Bauklotz-Steckkästen verinnerlichen können: etwas Rundes passt nicht durch etwas Eckiges. Sprich: Wie soll sie da irgendwo durchfallen? Oder ihr Stuhl? Gehechtet wird dennoch was das Zeug hält, dann irgendwo gedrückt, gezerrt, an ihr, die Tasche, dem Stuhl und ich wie unsichtbar dahinter. Oder unfähig? Unverantwortlich? Was denken die Leute von uns, von ihr und auch von mir? Dass ich
kaltherzig meine Freundin in den Abgrund springen lasse? Dass ich, „junges Mädchen“, die Gefahr, die da lauert, in meiner Naivität nicht sehen will, ohnehin wäre ich nicht stark genug, die Reflexe zu langsam, um sie aufzufangen, um sie souverän über den Spalt zu lavieren? Oder dass ich unfähig bin, die Verantwortung für eine Freundin mit
Behinderung zu übernehmen, seufz?

So wie als mein Vater sich anlässlich eines Abendessens ungläubig Protonia zuwandte, nachdem wir munter von der Praxis des sich-am-Gepäckträger-Festhalten-und-mit-dem-Rolli-hinterm-Fahrrad-herziehen-Lassens geplaudert hatten: „Echt, Frieda kann sowas?“ Was meinte „sowas“? Körperliches Geschick? Verantwortung? Jugendlicher Leichtsinn? Beinmuskulatur, die in der Lage ist, mich, das Fahrrad, Protonia, den Rollstuhl zu bewegen? Ich weiß es bis heute nicht… Oder so wie, als wir besoffen von dieser Party im dritten Stock wankten und ich sie Huckepack nahm und diese Jungs so „eh, Mädels, was macht ihr da?“ und ich sie fast so lässig die Treppe runtertrug, wie ich es auch sonst immer tue (Zugegeben war ich nicht mehr ganz nüchtern, ging unter ihrem Gewicht kurz in die Knie, wollte mir nicht die Blöße geben und richtete mich mit
ihr auf dem Rücken wieder auf. Der Muskelkater am nächsten Tag war auch die Quittung für einen allerdings berechtigten Stolz.) Oder so wie die skeptischen Blicke, wenn sie an meiner Schulter lehnt und ich ihre Beine eins nach dem anderen über die Reling des schwankenden Bootes hebe?
Eigentlich müssten wir einander in diesen Momenten, in denen mal wieder irgendein Busfahrer meint, er wüsste besser, was wir zusammen können, irgendein Vater, der meint, das mit dem Huckepack sei ne dumme Idee, oder irgendein Hechter, der meint, er könnte das Unglück, das ich so fahrlässig geschehen lasse, verhindern, anschauen und uns ganz laut und ganz erstaunt fragen: „Wie ha’m wir das denn sonst bloß immer gemacht??“

Übrigens: Natürlich bin auch ich anderen Behinderten gegenüber unsicher, weil ich nicht weiß, wie sie Dinge machen, welche Routinen sie haben. Aber erstmal würde ich immer davon ausgehen, dass sie sich nicht irre überschätzen und sich stumpf aus dem Bus stürzen. Ich würde immer davon ausgehen, dass sie wissen, was sie tun, weil hey: Auch Behinderte haben einen Alltag. In dem sie durchaus öfter in einen Bus, eine Straßenbahn oder einen Zug steigen…“
Bleibt für mich: Einfach dastehen, aufmerksam sein, signalisieren, dass ich da bin, Ruhe bewahren, mich zur Hilfe anbieten, wenn es sich anbietet, fragen, was ich tun soll, gelassen bleiben. Und den Fisch Fisch sein lassen.

von Frieda

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