Gut gemeint…

… ist verdammt noch mal nicht gut gemacht! Wieder einmal habe ich so richtig schlechte Laune, weil jemand mir seine Lebensphilosophie als Heilsbringer verkaufen wollte. Manchmal erscheint es mir, als trüge ich ein Schild um den Hals, das alle Menschen dazu auffordert, ihren Müll bei mir abzuladen. Viele dieser Gespräche verlaufen nach einem ähnlichen Muster und sie haben alle gemein, dass es dabei niemals wirklich um mich geht. Vielmehr scheint mein Rollstuhl etwas auszulösen, das Bedürfnis nach einem Wohlfühl-Moment, nach einer Lösung, nach etwas, das den Hauch von Schicksal, der in ihrer Wahrnehmung um meinen Kopf, zumindest aber um meinen fahrbaren Untersatz, herumwabert, irgendwie erträglicher macht.

Als ich heute Mittag das Bistro verließ, in dem ich häufig zu Mittag esse, begegnete ich an der Tür der Inhaberin, die ich vom Sehen kenne.

 

Sie: „Haben Sie eigentlich einen Unfall gehabt?“

Ich (bereits den 1. Fehler begehend): „Nein, MS.“

Sie: „Wissen Sie, der Säure-Basen-Haushalt ist ein ganz entscheidender Schlüssel zu unserem Wohlbefinden. Damit lässt sich sicher auch das heilen. Ich bringe Ihnen da mal ein Buch mit.“

katze stutzt

…fassungslos…

Ich hasse das. Sie maßt sich damit an, nicht nur zu erkennen, dass ich überhaupt ein Problem habe – sie meint auch, die naheliegende Lösung dafür zu haben. Damit unterstellt sie mir aber gleichzeitig, nicht genug zu tun, irgendwie „selbst schuld“ an der ganzen Sache zu sein. Schließlich halte ich das Ganze für eine unheilbare Krankheit, sitze womöglich den Lügen der Schulmedizin auf, während sie die einzige ist, die weiß, dass in ihrem Buch über Säuren und Basen die vollkommene Erkenntnis steht. Dabei ist sie es, die wahrscheinlich Angst vor der Erkenntnis hat, dass ihre Theorie nicht gegen alles helfen könnte. Dass es Dinge gibt, die wir nicht über unsere Ernährung kontrollieren können. Oder über unsere Einstellung… Also nimmt sie lieber an, ich hätte es in der Hand, mich selbst zu heilen.

Naja, der 2. Fehler war dann auf jeden Fall, dass ich ihr nicht genau das sagte (oder zumindest ein „halt’s Maul“ erwiderte), sondern ihrem Vorschlag höflich begegnete und mich schnell aus der Affäre zu ziehen versuchte. Die Situation war mir unangenehm, aber so richtig wütend wurde ich erst draußen. Mist. Warum kann ich den Leuten so schlecht ihre Unverschämtheiten, ihre Übergriffigkeiten um die Ohren hauen?

Eine Woche später. Ich stelle fest, dass ich es vermeide, wieder in dem Bistro Essen zu gehen. So eine scheiße. Das geht mir dann doch zu weit: Weil ich keine Lust habe, beim nächsten Mal mit meinem Tablett ein Säure-Basen-Buch über den Tresen gereicht zu bekommen, werde ich nicht länger auf mein Mittagessen verzichten! In Gesprächen mit Freund_innen haben wir uns die Situation vorgestellt, jede erdenkliche Variation durchgespielt, die vergangene und die, mit der ich in Zukunft noch rechne.

 

„Nein, ich habe eine Messerstecherei angefangen und das ist das Ergebnis…“

„Nein. Aber möchten Sie mir vielleicht von irgendeinem Unfall erzählen?“

„Die Frage beantworte ich normalerweise erst nach dem dritten Date. War das ein Flirtversuch?“

„Ah ja. Der Säure-Basen-Haushalt, damit habe ich mich auch mal stark beschäftigt.   Ist aber schon lange her, das war vor meiner Diagnose…“

„Ach, das Buch kenne ich schon, das habe ich direkt nach dem Mantel ausprobiert, der Chemtrails abschirmen soll. Bringt nichts.“

„Ich habe es mir überlegt, ich brauche ihr Buch nicht. Mein Schamane hat mir vehement davon abgeraten.“

 

Naja, und so weiter… Sich solche Dialoge auszudenken, bessert die Laune ungemein und hilft mir dabei, mein Schlagfertigkeits-Defizit ein wenig durch vorausschauende Planung auszugleichen. Zudem bestätigt es mich, wenn sich auch andere Leute so richtig mit mir aufregen, diese Grenzverletzung sehen und anerkennen – wie gut es ist, Freund_innen zu haben!

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