„Liebe Frau Sachbearbeiterin…“

Ein Leben mit Behinderung zu führen, heißt oft, es zu verwalten. Da ist zum einen der Aufwand, den es bedeutet, meinen behinderten Körper durch das medizinische Dickicht zu manövrieren, aber hinzu kommt die Organisation des Wahnsinns, als der sich mein Alltag darstellt, wenn ich mir die Berge von Akten und Briefen angucke, die meine Korrespondenzen mit Behörden dokumentieren.

Die Verwaltung eines behinderten Lebens versucht der Staat im Sozialgesetzbuch zusammenzufassen. Das ist allerdings so komplex, dass ich es schon oft erlebt habe, wie sich die entsprechenden Institutionen zunächst darüber streiten mussten, wer überhaupt zuständig ist. Nehmen wir zum Beispiel an, ich hätte heute vier Termine und mein Handbike wäre kaputt. Zunächst würde ich mit dem Taxi zum Arzt und wieder zurückfahren, diese Fahrt würde die Krankenkasse bezahlen. Danach würde ich auf Kosten des Landschaftsverbandes in die Uni zu meinem Seminar fahren. Die Fahrt zur Physiotherapie würde später wieder die Krankenkasse übernehmen und abends würde ich die Taxifahrt ins Kino über mein persönliches Budget vom Sozialamt abrechnen. Ich habe also drei verschiedene Kostenträger für diese vier Termine, muss dafür jeweils Quittungen oder Rezepte sammeln, Excel-Tabellen über meine Ausgaben führen und regelmäßig einreichen. Ganz zu schweigen davon, dass bei allen Kostenträgern immer wieder aufwändige Anträge notwendig sind, damit das Ganze überhaupt funktioniert.

Aber aktuell richtet sich meine Wut gegen eine Behörde, die mit dem SGB nichts zu tun hat und an der sich auch nichtbehinderte Studierende abarbeiten müssen: das BAföG-Amt. Mein spezifisches Problem mit ihm hängt dann aber doch mit meiner Behinderung zusammen und zeigt deutlich, wie schwierig es wird, wenn Behinderte die für sie vorgesehene „behinderte Parallelwelt“ verlassen und so etwas „Normales“ tun wollen, wie studieren. Eigentlich habe ich zwei Probleme, das eine bezieht sich auf das Bundesausbildungsförderungsgesetz als Ganzes und das andere ganz konkret auf das Amt hier vor Ort.

Seit 2009 ist im BAföG ein allgemeiner Wohngeldzuschuss vorgesehen. Der ist bundesweit der gleiche, unabhängig vom Mietspiegel des jeweiligen Hochschulstandortes und auch unabhängig von einem behinderungsbedingten Mehrbedarf. Nun wohne ich schon im sozialen Wohnungsbau, dementsprechend zahle ich für den Quadratmeter vergleichsweise wenig, aber dass ich mit dem Rollstuhl einfach mehr Platz brauche, als der durchschnittliche Studi, das wird nicht bedacht. Es läuft also darauf hinaus, dass ich von meinen ca. 500 Euro BAföG so gerade die Warmmiete ohne Strom bezahlen kann. (Übrigens kann ich kein Wohngeld beim Wohnungsamt beantragen, da sich Wohngeld und BAföG ausschließen) So weit so scheiße.

Nicht nur deshalb ist mein Fall außergewöhnlich, hinzu kommt, dass ich aufgrund meiner Erkrankung wesentlich länger für mein Studium brauche und spezielle Anträge nötig sind, damit ich trotzdem noch gefördert werde. (Und last but not least ist da noch ein Erzeuger, der seiner Auskunftspflicht nicht nachkommt und das Ganze zusäsekretarin-2tzlich erschwert.) Alles in allem hätte ich mir eine Ansprechpartnerin gewünscht, eine Sachbearbeiterin im Amt, die mit mir kommuniziert und mich berät…

 

Ich weiß nicht mehr, ob ich gelacht oder geweint habe, als ich das erste Mal mit meinem zur Hälfte ausgefüllten Antrag im Amt stand. Der Aufzug spuckte mich im ersten Stock des Gebäudes aus, in dem sich ein Copyshop und ein Friseursalon befanden. Und ein Schild, auf dem „Amt für Ausbildungsförderung“ stand mit einem großen Pfeil, der eine Treppe hinaufzeigte. Also kein persönliches Beratungsgespräch. (Der Behindertenbeauftragte sitzt übrigens noch ein weiteres Stockwerk höher, aber ja, es gibt ihn ja auch nur, weil er gesetzlich vorgeschrieben ist, nicht, weil sich jemand in der Verwaltung mal ernsthafte Gedanken gemacht hat.) Telefonisch sind die Damen und Herren schwer zu erreichen und auf E-Mails bekomme ich seit Jahren vorgefertigte Standardantworten.

Ich fühle mich also nicht nur schlecht beraten und betreut, ich fühle mich auch ausgeschlossen, nicht nur von diesem schwammigen Begriff der „Teilhabe“, mit dem oft genug gemeint ist, dass ich ein Recht auf Kaffeefahrten und Kinobesuche habe, sondern von Bildung und Ausbildung. Ich wäre finanziell sicherlich bessergestellt, würde ich Sozialhilfe, Eingliederungshilfe usw. beziehen, anstatt mich um ein Studium zu bemühen. Und mit dem neuen Bundesteilhabegesetz wird sich daran nichts ändern, es geht nach wie vor darum, Behinderte zu verwalten und innerhalb der für sie vorgesehenen Strukturen unterzubringen: Ein selbstbestimmtes Leben, mit Studium und Arbeit etwa, hat dabei keine Priorität, ganz im Gegenteil, es wird sogar erschwert.

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