Neulich im Amt…

Da es ja im BAföG bekanntermaßen keinen behinderungsbedingten Mehrbedarf gibt, gilt es, andere Möglichkeiten aufzutun, um mein Finanzloch zu stopfen. Und da ich neben dem Studium schon arbeiten gehe, führt wieder einmal kein Weg am undurchsichtigen Dickicht des Sozialgesetzbuches vorbei. Mal sehen:

Wohngeld und BAföG schließen sich aus. (WoGG im SGB I)

Für Leistungen, die konkret meine Behinderung betreffen, meine Putzhilfe zum Beispiel und mein persönliches Budget, kommt bisher das Sozialamt auf. (SGB XII)

Da ich als Studentin aber grundsätzlich erwerbsfähig bin, außer ich bin länger als sechs Monate beurlaubt, ist für sonstige Mehrbedarfe das Jobcenter zuständig. (SGB II) Da ich auch nicht weiß, wie lange ich noch BAföG bekomme und ich bei meiner Recherche zumindest einen Mehrbedarf gefunden habe, der mir zusteht, bleibt mir wohl nichts Anderes übrig, als mich dem nächsten Amt zu stellen.

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Wenn man bei Pixabay nach freien Bildern zum Thema „Amt“ sucht…

 

 

 

 

 

So bestellte mich vor einigen Wochen die Verwaltungsangestellte Frau Q. in den Wartebereich im 4. Obergeschoss des Jobcenters. Neben dem vierstöckigen, bunt gestrichenen Neubau des Sozialamtes erweckte der 13-geschossige Granitturm aus den sechziger Jahren, in dem das Jobcenter untergebracht ist, schon rein optisch den Eindruck, dass ich es hier mit einem ganz anderen Kaliber von Behörde zu tun bekam. Im Eingangsbereich wurden die Wartenden mit einem Absperrband nach Jobcenter und Ausländerbehörde aufgeteilt, da ich aber einen Termin hatte, mogelte ich mich an der Schlange vorbei in Richtung der Aufzüge. Der Wartebereich im Treppenhaus, in dem ich mich einfinden sollte, bestand aus fest verschraubten Stahltischen und Plastikbänken, sonst nichts; keine Pflanzen, kein Informationsmaterial, keine Flyer, nur eine verschlossene Stahltür zu einer Toilette und eine dicke Milchglastür, hinter der sich die Büros befanden. Die Tür war nur von innen zu öffnen und mit zahlreichen Schildern versehen, die mir, sollte ich es noch nicht verstanden haben, eindringlich einschärften: bis hierhin und nicht weiter! Ich werde abgeholt, schon klar, ihr entscheidet hier…

Meine Sachbearbeiterin im Sozialamt ist auch nicht gerade beispielhaft in Sachen Entgegenkommen, wir hatten schon so unsere Unstimmigkeiten, aber alles in allem ist unser Kontakt höflich und bis auf Ausnahmen zuverlässig. Frau Q. nun erreichte eine ganz neue Ebene in meiner durchaus umfangreichen Erfahrung mit Verwaltungsangestellten. Ca. 40 Jahre alt und gleichzeitig irgendwie alterslos, unscheinbar und harsch zugleich, schaute sie mir während unseres 70-minütigen Gesprächs nicht ein einziges Mal in die Augen. Vom ersten Moment an zerrann meine Strategie förmlich auf dem Linoleumboden, der uns bis in ihr Büro begleitete. Mit „das ist meine Situation und ich brauche Hilfe“ kam ich hier nicht weiter, stellte ich fest, während Frau Q. mit geübten Griffen den von mir mitgebrachten Papierstapel in Unterlagen, die sie brauchte (Kontoauszüge usw.) und solche, die sie nicht interessierten (Krankenhaus-Brief), sortierte.

„Ich sage Ihnen gleich, dass dies ein seltener Fall ist, den ich bisher noch dazu immer abgelehnt habe. Außerdem gibt es da einige gesetzliche Veränderungen, weshalb ich das noch einmal nachlesen muss.“

Ihre folgenden Ausführungen fasse ich besser zusammen, das SGB ist komplex, sie jonglierte konzentriert auf der Suche nach einem Haken durch die Paragrafen. Sollte ich kein BAföG mehr bekommen, kann ich Arbeitslosengeld II nur in Form eines Darlehens erhalten und Frau Q. betonte dabei besonders, dass sie das Darlehen auch nur nachrangig gewähren würde, ich also nachweisen müsse, dass ich es woanders (KfW-Bank) nicht bekommen kann. Für mich bedeutete das, weitere Schulden machen zu müssen, für sie den Triumph, mir nicht hatte weiterhelfen zu können.

Zwischendurch versuchte ich mehrmals, das Gespräch auf den Mehrbedarf zu lenken. Ich hatte schließlich gelesen, dass es im ALG II bei MS als sogenannte „verzehrende Krankheit“ einen Mehrbedarf für kostenaufwändige Ernährung gibt. Von meiner Diagnose wollte sie immer noch nichts wissen, stattdessen fragte sie, wofür ich meinte, den Mehrbedarf zu brauchen. Naja, ich brauche halt mehr Geld…

„Ähm. Aufgrund einer Koordinationsstörung in den Händen habe ich Schwierigkeiten bei der Zubereitung…“, überlegte ich laut, was sie mit einem gekonnten Schlag, wahrscheinlich einer ihrer leichtesten Übungen, abwehrte: dem Verweis auf eine andere Zuständigkeit.

„Dann brauchen sie ja eine Haushaltshilfe. Dafür ist das Sozialamt zuständig.“, stellte sie fest, wirkte fast ein wenig gehässig dabei und wandte sich wieder ihren Unterlagen bezüglich des Darlehens zu. Etwa 10 Minuten später unternahm ich den nächsten Vorstoß:

„Noch einmal zu dem Mehrbedarf. Ich habe Multiple Sklerose.“

Tatsächlich gibt es eine Empfehlungsliste vom Deutschen Verein für private und öffentliche Fürsorge e.V., nach der das Jobcenter beurteilt, welche Erkrankungen überhaupt mit welchem Zuschuss unterstützt werden und die Frau Q. nun widerwillig studierte. Sie triumphierte zunächst, als sie nur „Mukoviszidose“ fand und resümierte schließlich knapp und fast enttäuscht:

„Dann steht Ihnen das wohl zu.“ Aber Frau Q. wäre wohl nicht eine so erfolgreiche Verteidigerin deutscher Steuergelder, wobei sie so wirkte, als ginge es um ihr privates, sauer verdientes Geld, wenn sie nicht doch noch eine weitere Hürde für mich finden würde, und so lächelte sie fast, als sie eine zusätzliche Bedingung entdeckte.

„Bei multipler Sklerose zahlen wir nur, wenn ihr BMI unter 18,5 liegt.“

Diesen kleinen Kampf habe ich letztendlich gewonnen, aber nur, weil meine Diagnose zufällig auf der Liste einer Arbeitsgruppe steht und ich dünn genug bin: Es ist völlig absurd, dass eine staatliche Behörde Leistungen nach einem im 19. Jahrhundert entwickelten, von Versicherungsgesellschaften populär gemachten und für die Beurteilung von Über- und Untergewicht stark kritisierten Kriterium wie dem Body-Maß-Index vergibt…

Es ist auch ziemlich absurd, dass ich nur mit einem solch enormen Vorwissen überhaupt eine Chance habe, aus dieser Be- und Verhandlung zumindest so „erfolgreich“ heraus zu gehen, dass ich am Ende 40 Euro zusätzlich im Monat habe.

Frau Q. hatte von Anfang an vor, mich nicht zu beraten, mich nicht als Einzelfall wahrzunehmen und meinen Antrag, wenn irgendwie möglich, abzulehnen. Das hat ihr gesamtes Auftreten und Verhalten gezeigt, aber besonders gut die Tatsache, dass sie eine persönliche Begründung für die kostenaufwändige Ernährung verlangte, obwohl ihre Behörde nach einem ganz anderen Katalog verfährt und sie direkt nach meiner Erkrankung hätte fragen müssen.

Als Akteurin im Amt handelt die Sachbearbeiterin immer auch in ihrem Ermessen, und hätte ich ihre Strategie nicht als solche erkannt und das nötige Wissen gehabt, um ihr zu begegnen, wäre die Geschichte ganz anders ausgegangen. Sie hätte Kosten gespart, wie auch immer ihr Triumphgefühl motiviert sein mag, und ich hätte weiterhin 40 Euro weniger im Monat zur Verfügung, was für meine Realität wesentlich mehr Auswirkungen gehabt hätte.

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Und wenn wir schon bei niedlichen Tieren sind: Der hier ist das Ergebnis von „Amtsschimmel“

 

Die ganze Angelegenheit löst, wie ich inzwischen weiß und was mich eigentlich beim SGB nicht wundern sollte, eine Kettenreaktion aus, denn sobald ich Leistungen nach dem SGB II erhalte, ist dieser Leistungsträger vorrangig zuständig und alle anderen Leistungen (Putzhilfe usw.) würden vom Sozialamt an das Jobcenter übergehen. Damit wäre Frau Q. in Zukunft die hauptsächlich für mich zuständige Sachbearbeiterin. Bei dem Gedanken kommt mir das Kotzen, weshalb ich jetzt herausfinden muss, wie ich das verhindern kann.

Vielleicht wäre ein Jurastudium eine sinnvolle Idee. to be continued…

 

 

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