„Auch lesbische, schwarze Behinderte können ätzend sein…“

Funny van Dannen lassen wir mal dahingestellt sein, aber diese Liedzeile habe ich immer mal wieder im Kopf, wenn Leute mir Dinge durchgehen lassen, die bei Nichtbehinderten (berechtigte) Empörung provozieren würden.

Rennbikes sind für den Alltaggebrauch nicht geeignet, schließlich kann man keinen Rolli mitnehmen. als Sportgeräte gehen sie ganz schön ab... (Quelle: zwomp.de)

Rennbikes sind für den Alltaggebrauch nicht geeignet, schließlich kann man keinen Rolli mitnehmen. Als Sportgeräte gehen sie ganz schön ab… (Quelle: zwomp.de)

Zum Beispiel hat eine Bekannte ein neues Handbike, mit dem sie Marathon fährt. Es ist ein reines Rennbike, das im Gegensatz zu meinem Adaptivbike ohne Rollstuhl auskommt. Sie beschreibt den größten Unterschied in der Reaktion der Leute, die den Rollstuhl nicht mehr wahrnehmen und sie seitdem sogar anpöbeln, wenn sie wie Schmidts Katze ohne Rücksicht auf Verluste durch den Straßenverkehr saust.

In meinem Viertel hat ein neues Sushi-Lokal aufgemacht, das ich heute mit meiner Freundin A. testen wollte. Vor der Ladentür war ein Ständer mit der Speisekarte aufgebaut, die wir zunächst ausgiebig studierten, wobei wir beide nicht unseren entscheidungsfreudigsten Tag hatten. Während wir also minutenlang zwischen Avocado, Roter Bete und Möhren verbrachten, nahm ich plötzlich aus dem Augenwinkel das Paar wahr, das die ganze Zeit hinter uns stand. Erschrocken realisierte ich, dass ich völlig elefantös die gesamte Tür blockierte und wich, „Entschuldigung“ murmelnd, zurück. „Kein Problem“, beschwichtigten die beiden und ich schob verärgert hinterher:

„Mund aufmachen soll helfen!“

Schon wieder eine Situation, in der ich peinlich berührt bin (naja, ich war wirklich unaufmerksam), die aber völlig anders verlaufen wäre, hätten die beiden einfach etwas gesagt, anstatt eine halbe Ewigkeit wie blöd hinter mir zu stehen. Ja, mit Behinderten kann man sprechen und auch sie können im Weg stehen! Wie oft Leute sich auf Partys dafür entschuldigen, dass ich ihnen in die Hacken fahre! Wenn es voll ist, kommen wir alle nicht darum herum, uns mal gegenseitig im Weg zu stehen.

Als meine Schwester eben wutschnaubend zu unserem Kaffee-Date erscheint, muss ich grinsen. An einer Gehweg-Verengung ist ihr unterwegs eine Rollstuhlfahrerin fast ins Fahrrad gefahren, als sie ohne Schulterblick nach links auf den Radweg zog. Klar, man kann sich in der Erfahrung ganz bequem einrichten, dass die Leute lieber eine Vollbremsung hinlegen, als eine Person im Rollstuhl zu überfahren. Da hat die Frau allerdings die Rechnung ohne meine Schwester gemacht, die hat nämlich ordentlich gemotzt.

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Nervigkeiten

Ich sitze im Park und werfe Bälle (für den Hund selbstverständlich) und komme nicht umhin, das „Gespräch“ auf der Parkbank hinter mir zu hören. Ein rüstiger Herr um die Achtzig sitzt zwischen zwei etwa gleichaltrigen Ladies und monologisiert über seine Tätigkeiten als Seniorenvertreter in seinem Altenheim. Während er von irgendeinem Termin mit der Presse berichtet, den ein Herr Ottenpohl beinahe hatte platzen lassen und dessen Gelingen am Ende nur ihm und seiner Charmeoffensive gegenüber der Reporterin zu verdanken war, versuchen sich seine Begleiterinnen gleichzeitig als höfliche Zuhörerinnen und in der Fortführung ihrer eigenen Unterhaltung, die sich um die Enkelin der einen Frau dreht.

„Ach!“

„Nein! Wirklich?“

„Sie sind mir ja einer!“

(„Und Luisa bleibt also sitzen…?“)

Die beiden Frauen scheinen geübt zu sein in diesem Balanceakt, wobei dem Mann ohnehin jedes Gespür dafür abgeht, wie er oder seine Geschichte ankommt. Plötzlich scheint er den Ausflug für beendet zu befinden, er erhebt sich ruckartig und seine Begleiterinnen eifern ihm nach.

Während sich die drei entfernen, nähert sich von der anderen Seite der nächste spazierlustige Opa (was ist denn heute los?) und bückt sich nach unserem Ball. Pure Selbstüberschätzung, beinahe legt er einen gepflegten Kopfsprung über seinen eigenen Rollator hin. Töle kommt angeschossen, lässt sich aber leider bereitwillig auf die Abwechslung im Spiel ein und rennt dem Ball hinterher.

„Na, junge Dame, genießen Sie das schöne Wetter?“

Dass er vor 15 Jahren nach einem Sturz von der Leiter auch mal nicht laufen konnte, erklärt er mir nahtlos nach unserem kurzen Schlagabtausch über das Wetter. Er kennt das also. Das mit dem Rollstuhl und so. Findet aber, dass ich ein so „patentes Mädchen“ sei, dass das „nicht viel ausmache.“ Was auch immer er damit sagen will.

(Quelle: travelblog.org)

(Quelle: travelblog.org)

Alte Männer sind eine kniffelige Angelegenheit. Sie genießen eine Art Sonderstellung (eine Art Behindertenbonus? So wie sich niemand traut, mich darauf hinzuweisen, dass ich im Weg stehe?), gehören halt einer anderen Generation an, sind häufig fast schon niedlich. Und dann ist da noch der verdammte Respekt vor dem Alter, der auch immer wieder dazu führt, dass ich mich zurück nehme, beherrscht bleibe, höflich… Dabei darf man nicht übersehen, dass alte Männer genau das sind: Alte, patriarchale Männer. Die denken, sie könnten fremde Frauen mit „junge Dame“ ansprechen und das augenzwinkernd meinen. Die ihre Weltsicht vor jedem und vor allem jeder ausbreiten und zu jedem Zeitpunkt für relevant erachten. Die es gewohnt sind, darin auch noch bestätigt zu werden.

Als der Mann versucht, unsere vermeintliche Allianz zu festigen und erklärt, seine Frau halte ja nichts von Hunden, ergattere ich den Ball. Schnell lasse ich ihn in meinem Beutel verschwinden, rufe Töle und verabschiede mich.

„Guten Tag noch, alter Herr. Genießen Sie das schöne Wetter!“

Pimp your wheelchair…

Mit dem Rolli wäre ich auch so richtig traurig… (Quelle: depositphotos.com)

Neulich war ich auf einer Benefiz-Veranstaltung der DMSG. Um mich herum lauter MS-Betroffene, die allesamt von Leuten in hässlichen Krankenhaus-Rollstühlen durch die Gegend geschoben wurden. Ok, man kann durchaus mit MS nicht mehr die Kraft haben, Aktivrollstuhl zu fahren. Aber dann setze ich mich doch eher in einen E-Rolli, den ich selbstbestimmt bewegen kann… und unterhalte mich mit den Menschen, die neben mir gehen und denen ich dabei ins Gesicht gucken kann. Wer kann schon in Schuhen laufen, die 3 Nummern zu groß sind und zudem 20kg wiegen? So ist Fortbewegung keine Freude und die Mobilität wirklich für den Arsch. Hinzu kommt, dass viele Hilfsmittel so richtig behindert aussehen. In dem Sinne, in dem die vollpubertären Jungs das Wort gebrauchen, die gestern Morgen an der Supermarktkasse hinter mir standen. Dass mein Rollstuhl leicht ist, wendig und dabei auch noch geil aussieht, ist mir wichtig, schließlich habe ich ihn die meiste Zeit des Tages unterm Hintern. Er muss zu meinen Outfits passen, könnte ich mir das finanziell leisten, hätte ich nicht nur einen schwarz-weißen, sondern einen in gold, einen in türkis… Aber das Problem entsteht ja nicht bei den Betroffenen. Sie bedienen auch nur das Bild, das die Gesellschaft von ihnen hat. Als ich eben meine Freundin F. zum Zug gebracht habe, kam auf dem Bahnsteig ein Typ auf mich zu und fragte freudestrahlend: „Kennst du schon diese neuen Anzüge? Mit denen kann man wieder laufen!“

sexy... (Quelle: exoskelette.com)

sexy… (Quelle: exoskelette.com)

Ist klar du Freak, nicht laufen zu können ist so katastrophal, dass ich lieber freiwillig in einem Roboteranzug durch die Gegend stakse, der einer Marsmission angemessen aussieht!

Mein Name ist Optimus Prime. Wir sind autonome Roboterorganismen vom Planeten Cybertron.“ …peinlich.

Nicht gehen zu können scheint das Sinnbild für das totale Scheitern zu sein: Nicht mehr arbeiten zu können, nicht mehr attraktiv zu sein, nicht mehr stark, belastbar und konkurrenzfähig… Die Person im Rollstuhl ist Projektionsfläche für so viele Ängste. Deshalb denken die Leute wohl auch, ich warte nur auf ihre Erlöser-Geschichten. Sitze heulend den ganzen Tag zuhause oder vor irgendwelchen verschlossenen Türen (dass du mir gerade am Bahnhof begegnest, ist selbstredend die große Ausnahme von der Regel) und bin dankbar, wenn mir all die „Gutmeinenden“ Ratschläge zur Verbesserung meiner Gesamtsituation geben.

„Probier mal MMS aus! Das hat dem Cousin meines Schwagers auch geholfen!“

Nur weil ihr es nicht aushaltet, dass eben nicht alles möglich ist, dass es bessere und schlechtere Ausgangspositionen gibt, könnt ihr mich doch mit dem ganzen Quatsch in Ruhe lassen!? Selbstverständlich ist diese Erkenntnis nicht auszuhalten, für mich auch nicht, aber deshalb streite ich für eine Gesellschaft, in der alle verschieden sein können, ohne Angst zu haben. Stattdessen meint ihr zu wissen, dass ich unter meinem Rollstuhl leide… Tue ich nicht, ich habe vielmehr echte Probleme: Heute ist Sonntag und meine Kaffeebohnen sind alle. Bei dem Gedanken an die Alternative, die die Bäckereifachverkäuferin mir gerade mit ihrem Vollautomaten zusammenpanscht und die sie mir gleich gegen unverschämte 2,90 Euro als „Cappuccino“ verkaufen wird, wird mir schlecht. „Nein! Kein Kakaopulv…“ Zu spät.

Wir fahren mit der Eisenbahn…

Dass die Deutsche Bahn nicht barrierefrei ist, ist nicht wirklich eine Neuigkeit. Vor allem im Internet findet sich eine schier endlose Menge an Erlebnisberichten. Häufig sind sie den Verfasser_innen die einzige Möglichkeit, das Erlebte zum Ausdruck zu bringen, ihrem Ärger über die Mobilität, von der sie ausgeschlossen werden, Luft zu machen. Dafür feiere ich das Internet, dass es eine Plattform bietet und dort Öffentlichkeit herstellt, wo Probleme schnell individualisiert werden.

Ich sitze gerade in einem IC Richtung Hannover und befinde mich mitten in einem Experiment. Ich habe bisher vor allem die Erfahrung gemacht, dass barrierefreies Reisen im Selbstverständnis der Bahn prinzipiell möglich, spontanes Reisen im Rollstuhl dagegen einfach nicht vorgesehen ist. Mir vorzubehalten, kurzfristig zu entscheiden, ob ich nun den Zug um 13:03Uhr oder 14:03Uhr nehme, kann ich vergessen. Ich tue es häufig trotzdem, weil ich meistens in meiner Freizeit mit dem Zug fahre und Freizeit eben nun mal nicht immer planbar ist. Und weil ich ein wenig stur auf meinem Recht auf Spontaneität beharre. Das ich mir allerdings an den Hut schmieren kann, wenn ich in irgendeinem Kaff strande, an dessen Bahnhof es kein Personal und schon gar keine Aufzüge gibt.

Die Bahn zieht sich immer darauf zurück, dass „unsereins“ die Fahrten eben zwei Werktage im Voraus anzumelden habe. Nur dann ist der bahneigene Mobilitätsservice in der Lage, sich zu bemühen. Dass es auch mit Anmeldung manchmal nicht klappt, verraten mir andere Posts im Internet. Trotzdem will ich das heute mal testen. Einfach nur, um das Gegenargument „Hätten Sie mal rechtzeitig angemeldet…“ zu untergraben. Ich ahne zwar, dass ich immer noch recht ohnmächtig bin und mir nicht viel von meiner ordnungsgemäß angemeldeten Fahrt kaufen kann, wenn sie denn schief geht – trotzdem bin ich gespannt.

Eine freundliche Bahnmitarbeiterin hilft einer freundlichen Behinderten mit einem niedlichen Hund auf dem Schoß. Ein niedliches Kind schaut ihnen dabei zu.

Eine freundliche Bahnmitarbeiterin hilft einer freundlichen Behinderten mit einem niedlichen Hund auf dem Schoß. Ein niedliches Kind schaut ihnen dabei zu. (Quelle: thüringen-tourismus.de)

So weit, so gut. Das erste Einsteigen hat geklappt. Praktisch sind die Hebebühnen unbedingt, allerdings recht monströs. Das ganze Unterfangen umweht eine behinderte Aura. Da die Bahn übermäßig viel Zeit dafür einplanen möchte, mich von einem Zug in den anderen zu befördern, habe ich pro Bahnhof 40 Minuten Aufenthalt. Womit sie wohl rechnen? Dass ich mir zwischenzeitlich in die Hosen scheiße und dieses typisch behinderte Malheur einen 20-minütigen Toilettenaufenthalt verlangt? Oder dass sie selbst nicht pünktlich sind? Was keinen Sinn macht, wenn sie mich nicht auf die Minute genau aus dem Zug holen, ist das ganze Unternehmen gescheitert. Gefragt wurde ich auf jeden Fall bei der Buchung nicht, ob ich zwischendurch Zeit benötige. Die Fahrt dauert dadurch insgesamt eine Stunde länger.

Mein Begleiter in Hannover ist ein leidenschaftlicher Angestellter, der sich mit seinem Unternehmen identifiziert und ihm seit 25 Jahren die Treue hält, wie er in den 30 Minuten mehrfach betont, die wir unnütz auf dem Bahnsteig herumstehen. Was er im Job alles schon erlebt hat erfahre ich ebenso, wie sämtliche Kranken- und Behindertengeschichten aus seinem persönlichen Umfeld. Ich kann der Situation nicht entfliehen und versuche mich in das Buch hinein zu denken, bei dessen Lektüre mich dieser Umstieg unterbrochen hat. „Mister Deutsche Bahn“ stört zu sehr dabei, ich jongliere gekonnt mit meinem Plattitüden-Fundus…

„Ach!“

„Das kann ich mir vorstellen…“

„Ja, wirklich?“

Endlich kommt der ICE nach Kassel, ich freue mich, dass es nur einen Rollstuhl-Platz in der 1. Klasse gibt. Der Kaffee könnte besser sein, wird aber dafür am Platz serviert. In Kassel habe ich einen erfrischend schweigsamen Kollegen erwischt, der mich weitgehend in Ruhe lässt. Wir rauchen und tauschen nur die nötigen Höflichkeiten aus.

Abends telefoniere ich mit einem Freund, der am selben Tag mit der Bahn nach Frankfurt zu einem Familientreffen gefahren ist. Der Servicemitarbeiter, der ihm beim Umsteigen assistieren soll, beantwortet seine Fragen konsequent seiner Mutter und wechselt mit dem Kunden im Rollstuhl kein Wort. Insgesamt stelle ich nach meinem Experiment fest: Die Deutsche Bahn ist, gesteht man ihr die nötige Zeit und eine entsprechende Fehlerquote zu, durchaus in der Lage, Rollstühle zu verwalten.

Barrieren, die Zweite: Busfahrt

Mein Handbike braucht wieder einmal einen neuen Mantel, während ein Bekannter den Reifen wechselt, fahre ich also heute Bus. Schon an der Haltestelle sinkt meine Laune weiter, denn ich wappne mich innerlich für die Fahrt. Hoffentlich ist der Bus nicht zu voll – für eine Neuauflage von Rollatoren-Kinderwagen-Rollstuhl-Tetris habe ich heute einfach nicht die Nerven. Ich bin ein Morgenmuffel und möchte eigentlich nichts anderes, als unbehelligt Busfahren, ohne kommunizieren zu müssen. Genau das geht im Rollstuhl einfach nicht. Es beginnt schon mit den drei Personen an der Haltestelle, die mich einzeln fragen, ob ich Hilfe beim Einstieg benötige. Ich verneine und eine Frau hakt ungläubig nach: „Wirklich nicht?“, als könnte ich mir falsche Bescheidenheit leisten. Zumindest lassen sie mich dann doch in Ruhe einsteigen. Auch das habe ich schon anders erlebt: Sobald ich den Hilfswütigen den Rücken zukehre, juckt es vielen in den Fingern und sie greifen doch noch nach den Schiebegriffen… die sie sogar erst ausklappen müssen, denn mein Rolli ist eigentlich nicht zum Schieben gedacht.

DSC_0005Aber heute steige ich ohne weitere Zwischenfälle ein und stelle erleichtert fest, dass der Bus recht leer ist. Ich parke also, ordnungsgemäß und wie es das Schild am Fester vorschreibt, auf dem vorgesehenen Platz mit dem Rücken in Fahrtrichtung und habe kaum meine Bremsen angezogen, als mir jemand von hinten auf die Schulter tippt. Eine ältere Dame strahlt mich an und verkündet: „Ganz toll, wie sie da gerade eingestiegen sind! Sehr sportlich…“ Ich lächle verhalten, setze meine Kopfhörer auf und schaue aus dem Fenster. Glücklicherweise akzeptiert die Frau meinen Wink mit dem Zaunpfahl und ich kann meine Fahrt schweigend fortsetzen. Ich kenne ihre Argumente schon und bin heute einfach zu müde ihr zu erklären, warum ich Kommentare dieser Art anstrengend finde. Außerdem verlaufen diese Gespräche selten befriedigend, denn die meisten Leute sind nicht bereit, sich wirklich mit meiner Perspektive auseinander zu setzen. Sie finden eine Rollstuhlfahrerin, die ohne Hilfe in den Bus ein- und wieder aussteigt, eben bemerkenswert. Denken, dass ich mich auch noch darüber freuen soll, wenn sie ihre Anerkennung zum Ausdruck bringen.

Während ich aus dem Fenster schaue, lege ich mir im Kopf eine Gegenargumentation zurecht. Versuche, der Frau zu erklären, dass ich es genau einmal in meinem Leben ebenfalls so richtig toll fand, den Ein- und Ausstieg allein zu meistern. Nämlich als es mir das erste Mal gelang. Seit ich weiß, wie es geht, ist es nicht mehr der Rede wert. Schätzungsweise kriegt das jede beim zweiten oder dritten Anlauf hin, wenn sie nur etwas Kraft in den Armen hat. Ich werde heute drei weitere Male auf diese Art in den Bus ein- oder aussteigen und möchte einfach nicht jedes Mal dafür gefeiert werden. Das ist mein Alltag.

„Aber für mich ist das eben eine ungewöhnliche Beobachtung und ich finde sie inspirierend, verstehen Sie?“, antwortet die Oma in meinem Kopf, das Gespräch ist damit beim Knackpunkt der ganzen Sache angelangt. Die Leute verlangen Verständnis von mir, für ihre Begeisterung oder Unsicherheit. Verständnis für meine Situation bringt dagegen niemand auf. „Wie wäre es zum Beispiel, wenn Sie jedes Mal Applaus ernteten, wenn sie es schaffen, einen Fahrschein zu lösen?“, frage ich die ältere Dame in meinem Kopf. „Würden Sie sich nicht verarscht vorkommen?“ Ihr Kompliment ist für mich nichts anderes als ein Hinweis auf meine Behinderung. Bäm. Da ist sie wieder.

Als ich aussteige, habe ich mich in Rage gedacht und fauche aus der Tür den wartenden Fahrgästen entgegen: „Ich brauche keine Hilfe!“ Sofort fühle ich mich schuldig, weil ich so unfreundlich war. Die Folge ist, dass ich mich noch den halben Tag über meine eigenen Schuldgefühle ärgere. Zum Glück kann ich morgen wieder Handbike fahren.

Endlich mobil! Eine Liebeserklärung an mein Handbike

Radfahren ist in der Stadt, in der ich lebe, die Fortbewegungsart der Wahl. In einem Jahr habe ich 2500 km mit meinem Handbike zurück gelegt, davon nur ungefähr 280km auf Radtouren, den Rest im Stadtverkehr. Nach einem Streit mit meiner Krankenkasse, der ein dreiviertel Jahr gedauert hat, war ich überglücklich und auch jetzt noch, wenn ich wegen Reparaturen doch mal wieder ein paar Tage mit dem Bus habe fahren müssen, flitze ich manchmal grinsend durch die Gegend.

Anfangs teilte ich die Faszination der Leute für mein Gerät, beantwortete gerne Fragen zu diesem halben, umgedrehten Fahrrad und konnte so meinem Stolz Ausdruck verleihen. Nach wenigen Wochen ließ ich dann aber doch die Erkenntnis zu, dass Behinderte genauso wenig einfach nur Rad fahren, wie sie einfach nur einen Hund haben können… Entweder steht die Außergewöhnlichkeit des Gerätes zur Debatte, man bewundert, wie sehr meine Mobilität dadurch gesteigert wird oder gleich meine ganze Person, die dadurch wahlweise an frischer Luft/ Bewegung/ positivem Lebensgefühl und Coolness gewinnt. Dass ich gerade auf dem Weg in den Supermarkt bin und dafür halt mein Fahrrad nutze, wie es viele Leute tun, dass es scheiße ist, dass ich für diese Selbstverständlichkeit sehr viel Geld aufbringen und mich mit sehr vielen Stellen auseinander setzen musste und vor allem: woran das eigentlich liegt, darüber wird nicht nachgedacht.

„Das ist ja toll, was für ein besonderes Gerät.“

„Naja, so besonders auch nicht, es ist eigentlich nur Fahrradtechnik.“

„Doch, wirklich sehr außergewöhnlich. Kannst du damit auch rückwärts fahren?“

„Ich sage ja: Fahrradtechnik. Können Sie das mit Ihrem Fahrrad?“

„Nein, aber es hätte ja sein können…“

„Eigentlich nicht…“

Es ist in der Tat toll, dass ich nicht mehr 45 Minuten Bus fahre, sondern mit meinem Handbike in 10 Minuten am Ziel bin. Ich habe an Mobilität gewonnen und das ist großartig. Für mich, nicht unbedingt für Fremde, denen ich beim Einkaufen begegne. Auch Menschen aus meinem Umfeld dürfen sich mit mir freuen, die haben aber auch meinen Kampf um das Gerät verfolgt und erleben es heute in meinem Alltag. Das selige Wohlwollen anderer Leute ist dagegen zum Kotzen überflüssig…

Ausflug mit Hund

Meine Hündin und ich sind ein gutes Team. Ich habe sie, seit sie drei Jahre alt ist und von Beginn an liegen wir auf einer Wellenlänge. Sie läuft super am Rollstuhl, liebt Handbikefahren und mag es gar nicht, wenn mich fremde Menschen anfassen. Was ich auch nicht mag, nur mein Knurren ist weniger beeindruckend. Sie kann ein paar nützliche Dinge, zum Beispiel Dinge aufheben, Lichtschalter betätigen und seit Kurzem trägt sie auch meinen Müll für mich zur Tonne. Das sind allerdings Kleinigkeiten, die ich ihr beigebracht habe, um sie zu beschäftigen. Ein ausgebildeter Behindertenbegleithund ist sie nicht.

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Das ist für die meisten Menschen schwer vorstellbar, denn im Leben einer Behinderten ist alles irgendwie außergewöhnlich. „Was für einen treuen Begleiter Sie haben, der ist Ihnen sicherlich eine große Hilfe!“, hören nichtbehinderte Hundebesitzer_innen vermutlich eher selten. „Was kann der denn alles?“, ist eine der häufigsten Fragen, die mir gestellt werden. „Naja, Sitz, Platz und stubenrein ist sie auch…“ Als Behinderte kann ich nicht einmal einen ganz normalen Hund haben.

Dass sie aber genau das ist, wird mir immer dann klar, wenn es ums Fressen geht. Dann vergisst sie ihre gute Kinderstube und ich könnte einen Handstand machen, ohne sie zu beeindrucken. Neulich war ich mit meiner Freundin C. in der Stadt verabredet. Ich stand vor einer Bäckerei und telefonierte mit ihr, weil sie wieder einmal spät dran war, als mein Rollstuhl plötzlich nach hinten kippte. Erst am Boden liegend wurde mir die Situation klar: Während ich telefonierte, hatte eine ältere Frau hinter meinem Rücken meine Hündin mit ihrem Brötchen gefüttert. Gierig wie diese ist, ignorierte sie, dass das andere Ende der Leine um meinen Oberkörper gehängt war und brachte mich zu Fall. Schlimm genug, sie hat auch Ärger dafür bekommen. Aber besonders dreist war die Reaktion der Frau. Wütend und von dem Schreck noch leicht zitternd wies ich sie darauf hin, dass sie fremde Hunde ohne Absprache mit deren Besitzer_innen nicht zu füttern hat. Währenddessen wedelte sie weiter mit ihrem Brötchen und beharrte darauf, dass der Hund halb am Verhungern sei. Eine andere Frau half mir in meinen Stuhl zurück (sie fragte mich, ob sie helfen dürfe, bevor sie mich auf meine Anweisung hin unter den Schultern fasste, was ich wohlwollend zur Kenntnis nahm) und unterstützte mich gegen die fütterungswütige Oma. Als die Bäckerin ebenfalls kam, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen und ich antwortete: „Es ist nicht passiert. Ich habe mich einfach nur ziemlich erschreckt.“, trieb die Oma ihren Egozentrismus auf die Spitze: „Und ich mich erst!“

Mit meiner Behinderung hatte ihr Verhalten nichts zu tun, sie benahm sich „ganz normal“ daneben. Aber ich frage mich, ob mein schwarzer Schäferhundmischling ebenfalls anders wahrgenommen wird, wenn wir zusammen unterwegs sind. Ebenso, wie meine Grenzen oft ignoriert werden (auch mir wird ab und zu der Kopf getätschelt), sinkt die Hemmschwelle, mit der der Hündin an meiner Seite begegnet wird: Wenn die Behinderte mit ihm zurechtkommt, kann das ja nur ein freundlicher Hund sein. Was im Falle eines ausgebildeten Begleithundes noch problematischer wäre, schließlich sollen die „bei der Arbeit“ erst recht nicht abgelenkt, angefasst oder gefüttert werden. Als ich später in einem Geschäft an der Kasse warte, dreht sich die Kundin vor mir um, streichelt Töle und fragt: „Na, bist du ein feiner Therapiehund?“

Barrieren, die Erste: Türen

„[S]elbst wenn eine Türe nach innen aufgeht, sollte man der Dame die Mühe abnehmen, sie selbst zu öffnen. Notfalls indem der Herr zunächst durch die Türöffnung tritt, die Tür aufhält und dann die Dame an sich vorbeigehen lässt“, empfiehlt knigge.de und macht dabei keinen Hehl aus der paternalistischen Struktur, die den Regeln der Courtoisie zugrunde liegen. Irgendwie sind diese Regeln aber auch ein wenig angestaubt; klar kennt man als Frau die Situationen, in denen selbsternannte ʻGentlemenʼ sich diesen sexistischen move nicht verkneifen können… glücklicherweise ist er aber nicht (mehr) die Regel (das heißt nicht, dass das Patriarchat überwunden wäre, ist klar). Als Rollstuhlfahrerin begegnet mir diese Situation allerdings mehrmals täglich, eigentlich immer, wenn ich mich einer verschlossenen Tür nähere und Leute in der Nähe sind.

Neulich kam mir beim Verlassen eines Restaurants ein Mittfünfziger entgegen, fast zeitgleich näherten wir uns der verschlossenen Tür. Er stieß sie auf und ließ mich vorbei, nachdem ich sie wortlos passierte, rief er mir, seinen wohlverdienten Dank einfordernd, „Gern geschehen!“ hinterher. Hätte er mir nur einen Moment Zeit gelassen, hätte ich IHM wesentlich praktischer die Tür, die nämlich nach innen aufging, aufhalten können. Aus seiner Richtung musste er im Türrahmen stehen bleiben, um mich vorbei zu lassen. Damit tun sich neue Barrieren für mich auf: Je nach Schuhgröße können die Füße der Hilfswütigen zu Hindernissen werden, die nicht immer garantiert schmerzfrei zu überwinden sind. Und damit meine ich nicht meine Schmerzen…

So weit wird aber nicht gedacht: Türen werden mir aus der Hand gerissen, über meinen Kopf hinweg aufgestoßen (im tatsächlichen wie übertragenen Sinn), man eilt herbei, nur um mir in dieser ausweglosen Lage beizustehen. Was ich tue, wenn ich allein einer verschlossenen Tür begegne? Naja, meistens bleibe ich erschüttert stehen, versinke eine Runde in Selbstmitleid, manchmal fange ich auch an zu weinen. Wenn nach einer halben Stunde niemand gekommen ist, fahre ich wieder nach Hause und verschiebe mein Vorhaben frustriert auf den nächsten Tag. Ungefähr so stellen sich die Leute das vor, denke ich mir… Dagegen sieht meine Realität so aus: Ich fahre zuerst auf die Tür zu, greife dann die Klinke und öffne die Tür wahlweise durch Ziehen oder Drücken. Sollte ich einmal den falschen Impuls geben, (manchmal passiert mir das, sogar wenn es Schilder gibt, auf denen „ziehen“ oder „drücken“ steht) löse ich das Problem mittels der einzig verbleibenden Alternative.

Nachdem gestern meine Freundin F. probehalber mit meinem Rolli in den Keller gefahren war, um unsere Wäsche zu holen, bestätigte sie mir, dass Türenöffnen eigentlich ganz einfach ist. Es gibt da also kein Problem, aber das interessiert wohl niemanden wirklich. Stattdessen scheine ich pauschal über das Merkmal ʻRollstuhlʼ wahrgenommen zu werden – als per se hilfsbedürftig und das veranlasst die Leute dazu, helfen zu wollen. Anstatt einen Moment innezuhalten, sich die Situation und vor allem die individuelle Person anzuschauen und daraus abzuleiten, ob Hilfe notwendig ist, reagiert man mit sofortigem Handeln und versucht so, eigene Unsicherheiten aufzulösen. Dabei wird klar, dass es in diesen Situationen nicht um mich geht. Hilfsbereitschaft hat erstmal nichts mit selbstlosem Handeln zu tun. Vielmehr bin ich Protagonistin in den Meine-gute-Tat-des-Tages-Stories der Leute und meine Rolle darin ist es, mich dankbar zu zeigen. Ob ich Hilfe will, brauche oder nicht, ist nicht meine Entscheidung. Aber meine Dankbarkeit, wenn sie mir aufgedrängt wird, wird selbstverständlich erwartet.

Damit ist nichts Grundsätzliches gegen Hilfestellungen gesagt. Nur gegen pauschale „Rollstuhl? Hilfe!“-Vorstellungen. Wer sich im Sinne der jeweiligen Person verhalten will, sollte sich zuerst die Gesamtsituation anschauen (Nur ein Beispiel: Ein Aktivrollstuhl kann ein erster Hinweis sein). Und im Zweifelsfall kann Hilfe anbieten nicht schaden. Solange die Antwort abgewartet und akzeptiert wird. Dass dies oft genug nicht passiert und mein „Nein!“ einfach übergangen wird, davon berichte ich an anderer Stelle…